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Fünf Jahre europäische Generation Praktikum

Kein Ende in Sicht

Die "Generation Praktikum" kam vor etwa fünf Jahren EU-weit ins Rollen.  Das Problembewusstsein wurde in dieser Zeit gestärkt, doch die Mühlen der Politik mahlen langsam und die Wirtschafts- und Finanzkrise hat die Arbeitsmarktlage insbesondere junger, auch gut ausgebildeter Europäer drastisch verschärft. Engagement für die Verbesserung der Lage von PraktikantInnen ist also keineswegs obsolet geworden. Ein Kommentar von Frauke Austermann.

Ein Jubiläum ist eigentlich ein Grund zum Feiern. Im Falle des europäischen Bündnisses für die Rechte von Praktikanten ist dies etwas fragwürdig. Vor etwas mehr als fünf Jahren, im Februar 2006, haben sich europaweit Praktikanten zusammengeschlossen mit dem Ziel ihre prekäre Situation zu verbessern und gesetzliche Regelungen für Praktika durchzusetzen. Wenn sich die Lage ausreichend geändert hätte, gäbe es heute keinen Grund mehr das Engagement fortzusetzen. Nun, die Tatsache, dass die Mitstreiter von einst sich heute noch immer einsetzen, zeigt erst einmal, dass immer noch Handlungsbedarf besteht.

Ein kurzer Rückblick: Betroffene in Frankreich und Deutschland hatten zunächst unabhängig voneinander Praktikanten-Bewegungen gegründet. Schritt für Schritt erweiterte sich das europaweite Netzwerk. Aktivisten aus Österreich, Italien und Belgien schlossen sich an. Trotz der Vielfalt der Mitstreiter gab es durchaus gemeinsame Nenner: Sie waren jung, sehr gut ausgebildet, motiviert und hatten große Schwierigkeiten den Sprung in die Arbeitswelt zu schaffen. Nicht, dass sie nicht fleißig waren. Ganz im Gegenteil, viele konnten schon einiges an Arbeitserfahrung aufweisen. De facto zumindest. Denn die entsprechenden Kenntnisse wurden zumeist in Form von Praktika gewonnen.

Das ist an sich keine schlechte Sache. Nur leider häuften sich diese Praktika und somit schwand der ursprüngliche Sinn des Praktikums, nämlich Praxiserfahrung zu sammeln um die Chancen auf einen ersten 'richtigen' Job zu verbessern. Versprechen, dass im Anschluss an ein Praktikum nach Erwerb eines Uni-Abschlusses ein „richtiger“ (wenn auch in den allermeisten Fällen befristeter) Arbeitsvertrag winkt, blieben oft leere Versprechen.

Viele Betroffene waren auch mit Ende 20 noch finanziell von den Eltern abhängig oder jobbten abends in Bars, oder als Taxifahrer um ihr un- oder unter-bezahltes Praktikum zu finanzieren. Arbeitslos meldeten sich wenige. Aus Scham, manchmal auch aus Unwissen, und oft auch aus institutionellen Gründen: man kann sich  nur arbeitslos melden, wenn man schon gearbeitet hat. Praktika werden dabei nicht einbezogen. Dieser Umstand relativiert die Tatsache, dass die Arbeitslosigkeit von Akademikern in den meisten europäischen Ländern niedrig ist. Er wirft auch die Frage nach dem Status der Praktikanten auf: Sind sie Studenten? Absolventen? Azubis? Arbeitnehmer?

So war die Situation vor fünf Jahren. Viele junge Europäer können auch heute noch ein Lied von den oben genannten Problemen singen. Die Anzahl der jungen, gut ausgebildeten Prekären ist durch die weltweite Finanzkrise und ihre Folgen deutlich angestiegen, vor allem in den europäischen Länder, deren wirtschaftliche Lage besonders heikel ist: Bei einer Jugendarbeitslosigkeit bis zu 40 Prozent ist die Lage am Arbeitsmarkt  für junge Portugiesen, Iren, Spanier und Briten so aussichtslos, dass viele in andere EU-Staaten und über Europas Grenzen hinaus abwandern.

Angesichts dieser Lage erscheinen die Kampagnen für faire Praktika wie ein Kampf Davids gegen Goliath. Und doch gibt es einige Erfolge zu verzeichnen. Das Problembewusstsein für die Arbeitsmarkt-Situation junger, selbst gut ausgebildeter Europäer ist in den vergangenen fünf Jahren geschärft worden. Insbesondere in Frankreich konnte die Praktikanten-Bewegung „Génération Précaire“ durch ihre sehr Medien-tauglichen Aktionen erfolgreich auf die Problematik aufmerksam machen. Viele junge Franzosen sind nicht mehr bereit, sich 'unter Wert' zu verkaufen. Auch in Deutschland häufte sich die Anzahl der Unternehmen, die sich (meist erfolglos) gegen den Vorwurf des Lohnwuchers verteidigen mussten, da sie höchst fragwürdige Praktikumsangebote machten. Regelungen wurden ebenfalls in manchen EU-Staaten eingeführt; so zum Beispiel in Frankreich: Hier dürfen Praktika keine regulären Arbeitsplätze ersetzen. Zudem müssen Praktika, die mindestens zwei Monate dauern, bezahlt werden. In Österreich wird der Weg vornehmlich über die Sozialpartner bestritten. Auch in Großbritannien und den USA wehren sich mehr und mehr junge Leute gegen prekäre Arbeit in Form von Praktika.

Darüber hinaus weisen immer mehr Wissenschaftler auf die langfristigen makroökonomischen und sozialen Probleme hin, wenn jungen Leuten der Zugang zu regulärer Arbeit verwehrt bleibt. Ein oft genanntes Beispiel ist die Nachhaltigkeit der sozialen Sicherungssysteme in der EU. Geburtenraten in Europa weisen schon seit Langem eine fallende Tendenz auf. Durch den rasanten Anstieg unsicherer Beschäftigung ist der Gedanke an Familiengründung für viele junge Europäer  utopisch bis sie Mitte 30 sind. Unfaire Praktika und Co. verschärfen also die Probleme des europäischen Wohlfahrtsstaates. Aber auch für einzelne Unternehmen macht es mittelfristig wirtschaftlich wenig Sinn überwiegend Praktika oder zeitlich sehr befristete Verträge anzubieten. Schließlich haben sie auch ein Interesse daran gute Nachwuchskräfte an ihre Unternehmen zu binden. Das Sprengstoff-Potential des Themas wurde nur allzu sichtbar als Jugendliche in Griechenland Ende 2008 ihrem Frust beim Randalieren in ihren Städten Luft machen.

Doch die Mühlen der Politik mahlen langsam. Was die EU betrifft, so hat die Europäische Kommission auf die Praktikanten-Problematik Ende 2007 reagiert und eine Absichtserklärung veröffentlicht, in der sie eine Charta für faire Praktika entwerfen wollte. Diese Pläne fristen seither ein Dasein in Brüsseler Aktenordnern. Initiativen auf EU-Ebene sind zugegebenermaßen keine leichte Übung. Man muss einen Bogen schlagen zwischen den nationalen Besonderheiten der Arbeits- und Wohlfahrtssysteme von 27 verschiedenen Mitgliedsstaaten. Nichtsdestotrotz handelt es sich bei der Praktikanten-Problematik um ein EU-weites Problem. Deshalb reichte die europäische Praktikanten-Vereinigung "Generation P" in 2008 eine entsprechende Petition beim Europa-Parlament ein. Diese wurde vor allem durch die steigende Anzahl junger EU-Abgeordneter sehr ernst genommen.

Im Rahmen einer Initiative zur "Förderung des Zugangs Jugendlicher zum Arbeitsmarkt (und) Stärkung des Status von Auszubildenden, Praktikanten und Lehrlingen" treibt allen voran die dänische grüne Abgeordnete Emilie Turunen das politischen Ringen um EU-weite Regelungen zu Praktika im Besonderen und prekärer Beschäftigung junger Europäer generell an. Dies ist auch nötig, denn selbst im eigenen Hause herrschen chaotische Verhältnisse. Manche Abgeordnete sind sehr fair, andere beschäftigen Praktikanten strategisch so, dass sie sich einen teureren Assistenten sparen können. Ähnlich uneinheitliche Regelungen trifft man in anderen EU-Institutionen aber auch in den Ministerien der EU-Mitgliedsstaaten an. An ihrer Vorzeige-Rolle als fairer Ausbilder und Arbeitgeber müssen die EU und ihre Mitglieder also noch arbeiten. Es bleibt zu hoffen, dass entsprechende Erfolge nicht bis zum zehnjährigen Jubiläum des Bestehens der europäischen Praktikanten-Bewegung auf sich warten lassen.


Unsere Autorin Frauke Austermann engagiert sich seit 2006 für die Rechte von PraktikantInnen; zunächst in Frankreich, dann in Deutschland und schließlich auf EU-Ebene. Diesen Artikel hat sie ursprünglich für die Homepage der österreichischen Kampagne "Generation Praktikum" - vielen Dank für die Freigabe!

Die Ösis haben auch ein gutes Dossier mit einigen aktuellen Artikeln - zum Beispiel über die Lage in den USA - zusammengestellt: www.generation-praktikum.at...