Festival Berlin 08

Praktikum bei der Jugend



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Bericht

(dgb-jugend/kiontke, 19. Juni 2008) Bei "Berlin 08", dem Festival für junge Politik im Juni 2008, präsentierte sich die die Gewerkschaftsjugend mit ihren interessant besetzten Podiumsdiskussionen. Fazit: Was Engagement ist, können Politiker bei jungen Leuten lernen. Von Jürgen Kiontke

"Berlin 08" - am größten Jugendfestival Deutschland vom 13. bis 15. Juni 2008 in der Berliner Wuhlheide nahmen mehrere tausend Menschen zwischen 14 und 24 Jahren teil. Über 600 Veranstaltungen fanden in diesen drei Tagen statt, und, so muss man wohl festhalten, konkurrierten auch miteinander.

Vor allem die Politik hatte es gewissermaßen schwer, fanden doch zeitgleich zu den vielen wortreichen Debatten auch jede Menge Konzerte statt und weiß der Himmel was noch. "Berlin 08", das war dieses Mal im Auge manch kritischen Betrachters nicht nur Angebot und Nachfrage, sondern vielleicht ganz einfach Überangebot.

Nichtsdestotrotz: Die DGB-Jugend schlug sich gut. Neben zahlreichen Workshops - bot sie drei große Podiumsdiskussionen. Die Themen: Jugendpolitik, Berufseinstieg und Grundrecht auf Ausbildung.
 
http://www2.dgb-jugend.de/w/gfx/small/themen/ballon.jpgDie Gewerkschaftsjugendlichen hatten ein eigenes "Community-Zelt" - strategisch günstig am Badesee gelegen, dessen Nutzung aber aufgrund der wechselhaften Witterung derart, dass man sie in anderen Jahreszeiten durchaus schon mal als Wintereinbruch beschimpft, eher zurückhaltend war. Dass die Veranstaltungen der DGB-Jugend aber nicht ins Wasser fielen, dafür sorgte der gute Besuch engagierter ehrenamtlicher Jugendgewerkschafter.


Die Diskussionen

http://www2.dgb-jugend.de/w/gfx/small/themen/runde4.jpgBei "Von wegen unpolitisch!" diskutierten Detlef Raabe vom Deutschen Bundesjugendring (DBJR), Jörg Grünefeld von der ver.di Jugend, Jan Philipp Albrecht (Bundesvorstandssprecher der Grünen Jugend) und Andrea Hoffmeier vom Bund der katholischen Jugend (BDKJ) mit der Moderatorin Anita Haehnel, ob das vielzitierte Bild "der politischen Verwahrlosung" junger Leute in Deutschland, wie es im Kielwasser der letzten Shell-Jugendstudie öffentlich breitgetreten wurde, überhaupt stimmt.

Nein, lautete die einhellige Antwort, die seien wahrlich nicht per se schlecht. Aber ihnen werde permanent vermittelt: "Ihr könnt nix" (Hoffmeier).

Politik das sei allzu oft: "Leute in Anzügen in irgendwelchen Räumen, die irgendetwas bestimmen" fasste Zuhörer Timo von der DGB-Jugend NRW zusammen.

Ein anderer Zuhörer, Falko aus Köln, der in einem Jugendzentrum das Tonstudio betreut, beschrieb seine Erfahrungen so: "Ich versuche Jugendlichen Politik näher zu bringen, aber bekomme dann zu hören: ‚Ich steh morgens auf, ess mein Brötchen, was gehen mich Institutionen an? Engagement schön und gut, aber Mama kriegt weiter Hartz IV’."

Die Erfahrungen der anwesenden Verbandssekretäre spiegelte dies naturgemäß nicht. Junge Menschen in Verbänden und anderen Organisationen wiesen ein hohes Engagement auf, vor allem, wenn sie "konkrete Anknüpfungspunkte" (Albrecht) finden. Aufs niedrigschwellige Angebot komme es an. Schule und öffentlicher Raum - hier müssten junge Menschen dringend ihre Gestaltungsmöglichkeiten austesten können. Es muss nicht unbedingt der Weg in die Politik sein: Problembewusstsein würde schon ausreichen, so Grünefeld: "Gerechtigkeit spürt jeder."

Dass sich die Distanz zwischen Jugendorganisationen und jungen Leuten nicht ganz von der Hand weisen lässt, darauf wies Grünefeld aber auch hin: "Wer hat schon Zeit, sich für vier Jahre für ein Ehrenamt aufstellen zu lassen?"

Die Realität junger Menschen sehe oft genug so aus: "Druck, Prekarisierung, beschissenes Arbeitsverhältnis mit zu wenig Kohle". Wie solle man da eine zukunftsfähige Perspektive entwickeln? Er sah hier aber auch eine große Chance, gerade für Gewerkschaften, die Arbeitswelt biete genug Betätigungsfelder.

Projektierte Angebote, Schnuppermitgliedschaft, das alles hätten auch die Jungen Katholiken schon durch. Hoffmeier: "Die Leute fliegen rein - und wieder raus." Von oberflächlichen Bindungen hätten Organisationen wie Interessierte auch nichts.

Die große Frage: Wie lange können sich Jugendliche in einem Verband wohlfühlen? Letztendlich plädierten alle Diskutanten für Niedrigschwelligkeit, für die Grünefeld ein Beispiel brachte: den Ausbildungsstau, einer Praxis der ver.di Jugend, bei der komplette Straßenkreuzungen innerhalb weniger Sekunden lahmgelegt werden. Die festgesetzten Autofahrer werden dann über die Ausbildungssituation in Deutschland informiert.


Zweiter Tag

Dass der Stau immer und überall funktioniert, demonstrierten die ehrenamtlichen Jugendgewerkschafter am zweiten Tag des Festivals - mitten auf dem Festgelände und unter Einkesselung des Zeltes der Jungen Liberalen (JuLis), der Jugendorganisation der F.D.P. Das Zusammenwirken funktionierte hervorragend - selbst junge Aktivisten der IG Metall kesselten professionell ein - im ver.di Jugend-Hemd.

http://www2.dgb-jugend.de/w/gfx/small/themen/runde2.jpg Die JuLis hatten zuvor freundlicherweise ihren Bundessprecher Johannes Vogel für die DGB-Jugend-Diskussion "Zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Der Berufseinstieg junger Menschen in Deutschland" zur Verfügung gestellt. Weitere Teilnehmer: Franziska Drohsel (Bundesvorsitzende der Jungen Sozis in der SPD, Jusos), Steffi Rabe (ver.di Berlin), und DGB-Jugend-Referentin Jessica Heyser. Moderiert wurde die Veranstaltung von "taz"-Redakteurin und Soli aktuell-Mitarbeiterin Beate Willms.

Insgesamt also kein Heimspiel für den Vertreter der reinen Marktwirtschaft Vogel, der sich gegen diverse Regulierungen von Bildung und Arbeitsmarkt aussprach.

Immerhin: Auch er musste zugeben, dass es beim Schulsystem und Berufseinstieg nicht zum Besten steht: "Ich hatte die Gelegenheit, eine Zeit lang in England zu verbringen. Dort reden die jungen Leute darüber, wie sie ihre berufliche Zukunft gestalten. In Deutschland überlegen sie, ob sie überhaupt eine haben."

Die soziale Durchlässigkeit sei in keinster Weise gegeben, sagte Jessica Heyser von der DGB-Jugend. Wer welche Eltern hätte, entscheide über die Zukunft - und verwies auf die Lage arbeitender Menschen: "Wieviel Zeit haben Eltern, die jeweils zwei Jobs machen müssen, die unterbezahlt sind?"

Drohsel beharrte auf der Regulierung des deregulierten Arbeitsmarktes: "Ansonsten werden die sozialen Unterschiede zementiert."

Den Einwand Vogels, dass sich bei guter konjunktureller Lage das Ausbildungsproblem von selbst erledigen würde, widersprachen die anderen. Rabe: "Wenn es dem Kapital gut geht, geht’s allen gut, dass ich nicht lache - viele Konzerne beweisen das Gegenteil: Post, Telekom und Metro bilden immer weniger aus, trotz glänzender Bilanzen." Rabes Fazit: "Die Aktionäre kriegen den Hals nicht voll."

Heyser konnte dabei keine sinnvolle Unternehmenspolitik ausmachen: "Die Firmen haben keine Strategie - Nachwuchs hoffen sie irgendwo auf dem globalisierten Arbeitsmarkt einzusammeln."

Erwartungsgemäß kontrovers wurde das Thema Umlagefinanzierung - Betriebe, die nicht ausbilden, müssen zahlen - diskutiert. Ebenso erwartungsgemäß brachte Vogel die beiden wirtschaftsliberalen Standpunkte zum Thema: a) Großunternehmen kaufen sich frei. b) Kleine Betriebe gehen kaputt. Einfach ausprobieren, wäre da mal die Devise. Rabe: "2004 war die Umlage fast da" - als Berufsausbildungssicherungsgesetz. Das wurde dann aber wieder zurückgenommen. Drohsel: "Es ist frustrierend: Wir fordern seit zehn Jahren die Umlage, aber es gelingt nicht, sie durchzusetzen."

Kundige Teilnehmer ("Wie oft haut ihr denn dem Olaf auf die Finger?") konnten anführen, dass die Jusos die Umlage schon 1978 im Schilde führte - der Kampf dauert schon länger, als Drohsel auf der Welt ist.

Geteiltes Leid ist halbes Leid. Dafür, dass Jugendorganisationen sich schwer in der Mutterpartei durchsetzen können, hatte Vogel denn auch spontan Verständnis. Das sei bei den Jungen Liberalen kaum anders. So diente die Umlage als schönes Beispiel dafür, wie ernst es den Parteien mit der Jugendbeteiligung ist.

Weitere Themen der Diskussion waren der allgemeine Zugang zu Bildung und Praktika. Vogel erntete viel Anerkennung, als er die vorbildliche Arbeit einer Hauptschule in seinem Heimatort Wermelskirchen beschrieb. Noch mehr Anerkennung plus zustimmendem Applaus erhielt allerdings ein junger Gewerkschafter aus Nordrhein-Westfalen, der den Ort Wermelskrichen nach bestem Wissen und Gewissen auseinandernahm und die soziale Zusammensetzung der Ortschaft referierte - dort wohnten nämlich in der Regel wohlhabende Leute. Das Heimwerker-Kombinat Obi hat dort seine Firmenzentrale, Wermelskirchen geht’s gut. Vogel möge sich doch mal in angrenzenden, problematischeren Gemeinden umsehen.

Da musste selbst der JuLi-Mann staunen. Denn nicht nur er kam aus dem kleinen, feinen Ort, auch der junge Mensch im Publikum hatte Familie dort. Dass die Kleinstadt bei Köln auf dem größten Jugendfestival Deutschlands eine Rolle spielen könnte, hätte in Wermelskirchen wohl keiner geglaubt. Ansonsten hielten sich die Gemeinsamkeiten von JuLis und Gewerkschaftsjugend in Grenzen.


Podium Nummer 3

Das Podium Nummer drei musste mit leichter Verzögerung starten - Teilnehmer und SPD-Bundestagsabgeordneter Christian Carstensen saß im Zug fest - wegen Waldbrand. Während es in der Wuhlheide volles Rohr schüttete. Carstensen kam dann aber doch wohlbehalten im Zelt an.

http://www2.dgb-jugend.de/w/gfx/small/themen/runde4.jpg Er konnte miterleben, dass sich auch diese Diskussion an der Umlage entzündete, lautete doch das Thema des Podiums: "Ausbildung für alle - Wir fordern ein Grundrecht auf Ausbildung". An ihm solle das Brandeisen Umlage nicht scheitern, so Carstensen, aber in der jetzigen Koalition sei sie nicht durchsetzbar.

Das sei aber traurig, kommentierten die mitdiskutierenden Katharina Horn, Kai Nimiczeck und Marco Frank. Horn ist bei der Landesschülervertretung Hessen, die die Initiative für ein Grundrecht auf Ausbildung mit Unterstützung der Gewerkschaften in diesem Frühjahr parlamentsfähig machte, in dem sie über 72.000 Stützunterschriften für eine Petition gesammelt hat.

Nimiczeck ist stellvertretender Bundesvorsitzender der Jugendorganisation Die Falken, Marco Frank der Ausbildungsexperte der DGB-Jugend.

Auch das wie bei allen DGB-Jugend-Veranstaltungen auf "Berlin 08" diskursfreudige Publikum übte sich konstruktiv in Trauer - in Form ganz konkreter Politikbefragung: Warum es denn die Koalition überhaupt gebe, wenn so etwas nicht durchsetzbar sei? Zum Henker!

Alle zwei Wochen sei dort irgendetwas nicht durchsetzbar, erklärte Carstensen. Er riet zur Besonnenheit. Und verteidigte dafür den Ausbildungsbonus der Bundesregierung. Schön und gut, konterte Marco Frank. Der sollte aber auf die Zielgruppe der Altbewerber mit höchstens schlechtem mittleren Schulabschluss beschränkt sein und nur gezahlt werden, wenn die Jugendlichen zudem lernbeeinträchtigt oder sozial benachteiligt sind. Reguläre Ausbildungsplätze dürfen nicht staatlich subventioniert werden.

Nimiczeck verwies auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes aus dem Jahr 1980, wonach die Wirtschaft genügend Ausbildungsplätze und sogar mehr bereitzustellen hätte: "Ich finde, jetzt muss auch mal was aus der Politik kommen."

Katharina Horn antwortete auf die Frage von Moderatorin Beate Willms, ob es hier und heute was zu lernen gegeben hätte: "Hä? Die Politik kann sich das ja mal bei uns abschauen, wie Engagement geht." Ein schönes Schlusswort - mit dem zumindest die zentrale Frage des ersten Podiums, wie politisch denn die Jugend sei, für diesen Tag hinreichend beantwortet wurde.


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Fotos

(Vergrößerung durch Klick auf Bild, alle Fotos: Jürgen Kiontke)

http://www2.dgb-jugend.de/w/gfx/small/themen/ballon.jpgDer Weg ins "Community-Zelt" der DGB-Jugend beim Pop-und-Politik-Festival "Berlin 08" vom 13. bis 15. Juni 2008 in der Berliner Wuhlheide








http://www2.dgb-jugend.de/w/gfx/small/themen/runde3.jpg "Von wegen unpolitisch!": Diskussion mit Deltelf Raabe und Jörg Grünefeld









http://www2.dgb-jugend.de/w/gfx/small/themen/runde2.jpg "Zwischen Wunsch und Wirklichkeit": (v.l.) Johannes Vogel, Steffi Rabe, Beate Willms, Franziska Drohsel, Jessica Heyser








http://www2.dgb-jugend.de/w/gfx/small/themen/runde4.jpg "Ausbildung für alle": (v.l.) Kai Nimiczeck, Katharina Horn, Beate Willms, Christian Carstensen, Marco Frank








http://www2.dgb-jugend.de/w/gfx/small/themen/runde.jpg Das Publikum - diskutiert unter freiem Himmel.