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Charta "Gute Arbeit"

Was die internationale Politik tun muss

Die folgenden zehn Forderungen an die internationale Politik zeigen, wie Jugendarbeitslosigkeit bekämpft und faire und gute Arbeit erreicht werden kann. Zweihundert junge Leute aus politischen Parteien, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen haben sich im Vorfeld des G8-Treffens Anfang Juni 2007 in Berlin zu einer Konferenz zum Thema "Gute Arbeit" ("decent work") getroffen. Gastgeber war die Jugend des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB). Das Abschluss-Kommuniqué wurde an die deutsche Bundesregierung in ihrer Funktion als G8-Präsidentin übergeben.

Die Forderungen:

Wir appellieren an die Regierungschefs der G8-Staaten:

  1. Dafür zu sorgen, dass gute Arbeit, besonders für junge Leute, ein unabdingbarer Teil von Wirtschafts-, Sozial- und Entwicklungspolitik wird. Wirtschaftliches Wachstum allein ist nicht genug - es muss sich nachhaltig gegen Armut und für Entwicklung auswirken und Arbeitsplätze schaffen. Wirtschaftswachstum muss dafür stehen, die Anzahl der Arbeitsplätze zu steigern und weltweit alle Wirtschaftsregionen stärker einzubeziehen. Wir befürworten zielgerichtete Initiativen und Anreizmodelle, um die Nachfrage nach jungen Arbeitnehmern, vor allem nach jungen Benachteiligten und jungen Frauen zu erhöhen, ohne die Quantität und Qualität der Arbeit anderer einzuschränken. Ein globaler Pakt für Jugendbeschäftigung ist notwendig. Alle Länder der Welt müssen nationale Strategien entwickeln, die wirtschaftliche, soziale und bildungspolitische Elemente zusammenbringen, um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen - und Menschen ohne Arbeit ebenfalls ein menschenwürdiges Leben ermöglichen. Die Länder müssen auf regionaler und internationaler Ebene zusammenkommen, um unwürdige Arbeit und Jugendarbeitslosigkeit aus der Welt zu schaffen.
  2. Sicherzustellen, dass Handelspolitik - sowohl auf WTO-Ebene als auch im Rahmen von regionalen und bilateralen Vereinbarungen - als Instrument für Gute Arbeit und für die Stärkung der Rechte junger Arbeitnehmer und Arbeitsloser weltweit genutzt wird. Gute Arbeit muss Priorität in den Verhandlungen haben; eine Liberalisierung des Handels, bei der die Effekte auf den Arbeitsmarkt nicht berücksichtigt werden, muss verhindert werden. Um Gute Arbeit für junge Menschen zu fördern, müssen Regeln und Vorgehensweisen der WTO so geändert und ergänzt werden, dass die Auswirkungen auf die Beschäftigung und der Respekt für die Rechte von Arbeitnehmern angemessen gewürdigt werden. 
  3. Dafür zu sorgen, dass soziale Fragestellungen zu den wichtigen Aufgaben internationaler Finanzinstitutionen werden. Insbesondere fordern wir den Verzicht auf Darlehens- und Schuldkonditionen, die eine Deregulierung des Arbeitsmarktes zur Folge haben, auf Sparzwang bezüglich öffentlicher Ausgaben sowie auf eine Privatisierung und Liberalisierung der öffentlichen Dienste, die im Gegenzug dessen Qualität und Zugang einschränken. Die internationalen Finanzinstitutionen - insbesondere die Weltbank - waren bisher tatsächlich Instrumente einer Politik, die einen Zwei-Klassen-Arbeitsmarkt hervorgebracht hat, und zumeist stehen junge Menschen ganz unten. Die Länder der Welt müssen über ihre eigenen Entwicklungsziele entscheiden können. 
  4. Sicherzustellen, dass weltweite Solidarität zwischen den Völkern von Industrie- und Entwicklungsländern durch Engagement und Verpflichtung seitens aller Regierungen bekräftigt wird - mit dem Ziel, das Niveau der Entwicklungshilfe von Industrieländern auf mindestens 0,7 Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes zu steigern. Die Versprechen bezüglich Schuldenerlass und Steigerung von Entwicklungshilfe, die während vergangener G8-Treffen gemacht wurden, müssen eingehalten werden; weitere Verpflichtungen dazu sind nötig. Gute Arbeit sollte vollständig in das erste der Millennium-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen integriert werden und als klares Ziel der sog. Strategiepapiere zur Reduzierung der Armut ("Poverty Reduction Strategy Papers") formuliert werden. Insbesondere sollten die G8-Staaten jenen Anteil ihrer Entwicklungshilfe erhöhen, der für die Schaffung Guter Arbeit und sozialer Sicherung bestimmt ist, zum Beispiel durch die Entwicklung entsprechender Programme. Um diese Vorhaben umzusetzen, sollten lokale und regionale Kapazitäten so intensiv wie möglich genutzt werden. 
  5. Dafür zu sorgen, dass das Arbeitsrecht auf internationalen Standards und damit auf den Kernarbeitsstandards beruht: verantwortungsbewusste Arbeitsmarktpolitik und, wenn möglich, kollektive Vereinbarungen, die für alle jungen Arbeitnehmer gelten - einschließlich derer, die derzeit keine soziale Sicherung genießen, weil sie in informellen Beschäftigungs- oder befristeten Arbeitverhältnissen stecken. Junge Arbeitnehmer haben Rechte am Arbeitsplatz und müssen von ihnen Gebrauch machen können. Das betrifft insbesondere das unabhängige und freie Handeln von Gewerkschaften ohne Intervention seitens der Regierung. 
  6. Dafür Sorge zu tragen, dass Kinderarbeit in all ihren Formen abgeschafft wird und der allgemeine, freie Zugang zu hochwertiger Bildung an Grund-, weiterführenden, und Hochschulen gewährleistet ist. Hierbei muss die Grundschulbildung obligatorisch sein, genauso wie Investitionen in berufliche Aus- und Fortbildung und lebenslanges Lernen, das die Arbeitsmarktchancen junger Menschen erhöht, besonders derjenigen, die lediglich geringste Fähigkeiten und Qualifikationen vorweisen können. Besondere Aufmerksamkeit gebührt Frauen, die oft diskriminiert werden und ohne Arbeit bleiben. Lese- und Schreibkompetenz, mathematische und technische Kenntnisse in Verbindung mit den wichtigsten Arbeitsfähigkeiten sollten die Eckpfeiler einer solchen Bildung sein. 
  7. Dafür zu sorgen, dass junge Menschen Zugang zu einer Arbeitsberatung haben, zum Beispiel zu Arbeitsmarktinformationen und Karrieretipps. Dies sollte auf verbesserten Systemen der Arbeitsmarktinformation basieren, die es Studierenden, Arbeitslosen, und jungen Leuten, die ihre erste Stelle suchen, ermöglichen, kluge Entscheidungen über ihren Bildungs- und Berufsweg zu treffen, und so ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen. 
  8. Sicherzustellen, dass Gleichstellung in alle Politikbereiche integriert wird, in ganz besonderem Maße in der Beschäftigungspolitik. Barrieren, die die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt verhindern, müssen beseitigt werden. Mutterschaftsschutz, Verhinderung von Diskriminierung sowie gleiche Bezahlung müssen gewährleistet sein. 
  9. Dafür zu sorgen, dass Regierungen Migranten und ihren Familien dieselben Rechte zuzusichern wie einheimischen Arbeitnehmern. Hier sind die entsprechenden Regeln der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) einzuhalten. Zusätzlich muss mehr getan werden, um der Diskriminierung aufgrund von Rasse, Hautfarbe, ethnischer Zugehörigkeit, Religion, Geschlecht, Behinderung und sexueller Orientierung entgegenzusteuern. Außerdem sind die Rechte indigener Völker bezüglich Beschäftigung, ihrer Kultur und ihrer Landrechte zu schützen. 
  10. Sicherzustellen, dass die Schwierigkeiten der wachsenden informellen Wirtschaft überwunden werden, die Millionen von Arbeitnehmern und deren Familien ihrer Stimme, ihrer Rechte und jeder sozialen oder gesetzlichen Sicherung beraubt. Junge Menschen sollten, genauso wie andere, von informeller in formelle Beschäftigung gebracht werden. Die G8-Regierungschefs sollen außerdem die Bemühungen von Entwicklungsländern unterstützen, die informelle Wirtschaft in die formelle zu integrieren, und zwar durch eine Politik, die Produktivität, Einkommen und soziale Sicherung erhöht und gesetzliche und institutionelle Rahmenbedingungen gegen Armut, die Rechte der Arbeiter und Unternehmensentwicklung befördert.

Übersetzung: Frauke Austermann

Weitere Infos auf der Internetseite der IGB-Jugend



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