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Die Generation Praktikum ist kein deutsches Phänomen
Ausbeutung ohne Grenzen
Auch in den anderen europäischen Ländern, und nicht nur dort, beschäftigt man PraktikantInnen nach Abschluss ihres Studiums besonders gern, zum Beispiel in Frankreich, Österreich, der Schweiz, Spanien, Italien und Belgien (hier vor allem in der "EU-Hauptstadt" Brüssel). Zusammen mit dem Verein
Fairwork und der französischen Praktikantenorganisation
Génération Précaire hat die DGB-Jugend ein europaweites Praktikantennetzwerk namens
Generation P gegründet, welches sich auf EU-Ebene für gesetzliche Regelungen der Praktika und für einen fairen Berufseinstieg stark macht. Mittlerweile gehören dem Netzwerk weitere Praktikantenorganisationen aus
Österreich,
Belgien und
Italien an.
ExpertInnen schätzen die Zahl der Praktikanten in Frankreich auf jährlich etwa 800 000. Das französische Arbeitsamt geht davon aus, dass über 90% der Uni-AbsolventInnen mindestens ein Praktikum gemacht haben; bei 50% sollen es sogar drei oder mehr sein. Die Stellenausschreibungen für Praktika sind in den letzten Jahren geradezu explodiert: Zum Beispiel hat der Energiekonzern EDF-GDF die Zahl seiner Praktikumsstellen in den letzten fünf Jahren um 340% gesteigert. Die Mischung zwischen PraktikantInnen und Festangestellten stimmt nun ganz und gar nicht mehr: So bot der Bankkonzern Société Générale im Jahr 2005 rund 5000 Praktika an, stellte jedoch nur 1400 BerufsanfängerInnen neu ein.
Die Zahl der Arbeitslosen mit Hochschulabschluss hat sich in Österreich nach Angaben der
Arbeiterkammer Wien innerhalb der letzten sechs Jahre verdoppelt. Laut der Studie
"Arbeit ohne Wert" der Plattform Generation Praktikum absolvieren 59% der Hochschulabgänger nach dem Abschluss ein oder mehrere Praktika. 20% der Praktika dauern länger als vier Monate. Ein Drittel aller Praktika ist komplett unbezahlt, bei 40% gibt es zwischen 100 und 700 Euro. Aufgrund dieses geringen Lohns sind über 80% der studierten PraktikantInnen noch finanziell abhängig von den Eltern. Auffallend ist, dass Frauen insgesamt mehr Praktika machen und schlechter bezahlt werden.
Das Schweizer Bundesamt für Statistik fragte 2005 nach dem Verbleib der Uni- und Fachhochschulabgänger. 49,8% der rund 21 000 AbsolventInnen arbeitete ein Jahr nach Studienabschluss in befristeten Anstellungen. Zwei Jahre zuvor waren es lediglich 35,6%.
Die EU-Institutionen in Brüssel sind bei PraktikantInnen sehr beliebt. Jedes Jahr bewerben sich etwa 28 000 Studenten um ein Praktikum; nur 4-7% schaffen es über den offiziellen Weg nach Brüssel. Die meisten dieser "offiziellen" Praktika bei den EU-Verwaltungen sind ordentlich geregelt (Stipendium von ca. 900 Euro, Maximaldauer: sechs Monate). Es gibt jedoch hunderte von "inoffiziellen" Praktikanten, z.B. in den Abgeordnetenbüros des Europaparlaments. Hier hängt es allein vom jeweiligen Abgeordneten ab, ob es eine faire Praktikumsvergütung gibt. Daher gibt es auch in den EU-Institutionen zahlreiche Fälle von Praktikantenausbeutung. Die ca. 8000 weiteren PraktikantInnen, die in den Verbänden und Interessensvertretungen die Grundzüge der Lobbyarbeit lernen, bleiben davon keineswegs verschont.
Findet man auch jenseits der Grenzen Europas die "Generation Praktikum"? Allerdings, Praktikantenmissbrauch gibt es auch in vielen anderen Ländern. In den USA sind die Konditionen vor allem für "Prestigepraktika" mehr als unfair. Wer beispielsweise bei den Vereinten Nationen in New York ein Praktikum machen möchte, muss kräftig draufzahlen. Die UNO bietet keine Vergütung und weist auf ihrer Internetseite ausdrücklich darauf hin, dass keinerlei Kosten (Transport, Reisekosten, Unterkunft etc.) erstattet werden. Daher bleiben solche Praktika nur für Reiche bzw. ihre Kinder zugänglich.
Auch in Brasilien haben die Berufsanfänger der "Generation Praktikum" ähnliche Probleme wie in Europa. In einem Gespräch mit der DGB-Jugend berichtete Quintino Marques Severo, Generalsekretär des brasilianischen Gewerkschaftsdachverband
Central Única dos Trabalhadores (CUT), dass der Berufseinstieg selbst für bestens ausgebildete junge BrasilianerInnen enorm schwierig ist. Auch ihnen werden immer mehr Praktika statt regulärer Stellen angeboten - natürlich zum Nulltarif oder Dumping-Lohn. Die CUT will die Situation verbessern, indem sie sich für Mindestlöhne, Praktikantenquoten in Unternehmen und Arbeitszeitbegrenzungen einsetzt. Angesichts solcher Entwicklung wird wohl bald ein weltweites PraktikantInnennetzwerk entstehen.