(dgb-jugend, 26. November 2006) Am Mittwoch, den 21. November 2007, präsentierten in Brüssel Aktivisten des Netzwerkes Generation P (sechs Organisationen aus Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich und Belgien) eine Petition: Das Europäische Parlament soll für faire Praktika und einen besseren Berufseinstieg von jungen Europäern sorgen.
Die Präsentation der Petition ist die zweite Aktion der Generation P auf europäischer Ebene (siehe Bericht zur ersten Aktion). Sie fand im Rahmen einer Konferenz in Brüssel statt, an der unter anderem John Monks, Generalsekretär des Europäischen Gewerkschaftsbundes, und Vladimir Spidla, EU-Kommissar für Beschäftigung, Soziales und Chancengleichheit, teilnahmen. Thema der Konferenz: Praktika als Form prekärer Beschäftigung in Europa.
Junge Leute mit weißen Masken (das Symbol der "gesichts- und rechtlosen" Praktikanten) hatten bereits vor der Diskussion überall im Brüsseler Europaparlament (EP) Stellung bezogen. Bei der morgendlichen Sitzung des Ausschusses für Beschäftigung belagerten sie den Sitzungssaal und warben für die Konferenz.
Ausbeutung ist inaktzeptabel
Mitglied des Europaparlaments Stephen Hughes war der erste, der auf der Konferenz zu Wort kam. "Die Ausbeute von Praktikanten, die europaweit immer mehr zunimmt, ist absolut inakzeptabel." Besonders kritisierte er, dass das EP selbst für unbezahlte Praktika wirbt: "Dieser Zustand muss schnellstmöglich beseitigt werden! Die EU muss ein vorbildlicher Arbeitgeber sein - auch in Sachen Praktikum."
Hughes lobte die Petition als exzellentes Papier und rief zur Unterschrift auf. Im Anschluss sprach Philip Pike von der Praktikantenorganisation des Europaparlaments von der Diskrepanz, dass Praktika für den Schlüssel zum Erfolg gehalten werden, die Realität jedoch zeigt, dass Praktika viel zu oft schlichtweg unbezahlte Arbeit sind. "Außerdem können es sich lediglich 'Kinder reicher Eltern' leisten insbesondere prestigeträchtige Praktika zum Beispiel in internationalen Organisationen zu machen, da sie nicht nur unter- bzw. unbezahlt sind, sondern der Praktikant auch für Unterkunft, Reisekosten etc. selbst aufkommen muss. Dies steht im krassen Gegensatz zur Chancengleichheit, die sich die EU auf die Fahnen geschrieben hat."
Anna Schopf, Vorsitzende der österreichischen Plattform "Generation Praktikum" gab danach einen Überblick über den Forschungsstand. "Wir fordern, dass die EU Praktika endlich als statistische Größe einführt – wir brauchen verlässliche und umfassende Daten!"
Frauke Austermann, die die DGB-Jugend und Génération Précaire vertrat, stellte anschließend den Petitionstext vor und rief die Anwesenden auf, die Kampagne mit einer Unterschrift zu unterstützen: "Je mehr EU-Bürger sich dafür aussprechen, desto mehr Gewicht haben unsere Forderungen im Parlament."
Nach diesem Aufruf folgte die Podiumsdiskussion. Zunächst kam EU-Kommissar Spidla zu Wort, der die Kampagne begrüßte. Er betonte vor allem den pädagogischen Mehrwert von Praktika in Form einer Verknüpfung mit dem entsprechenden Studienfach. Außerdem sprach er sich für ein Minimum an sozialer Absicherung aus.
Spidla: Keine Kompetenz!
"Bei Schein-Praktika handelt es sich um ein wahrhaft europäisches Problem." Dennoch verwies er mehrmals darauf, dass die EU begrenzte Kompetenz hat: "Der Erfolg der Kampagne hängt vom Willen der EU-Mitgliedsstaaten ab". Dies zeige sich vor allem bei der Frage nach einem Mindestlohn für Praktika.
Die Verfasser der Petition sind sich dessen bewusst und fordern daher in der Petition einen Mindestlohn nach nationalen Standards. Selbst wenn die EU keinen Mindestlohn vorgeben kann, so hat sie doch Möglichkeiten, Druck auf die Mitgliedsstaaten auszuüben, um Arbeitsbedingungen zu verbessern.
ETUC-Chef John Monks begrüßte die Initiative als erfolgreichen Organizing-Ansatz von Praktikanten europaweit. Er bestärkte das Netzwerk: "Vergrößert euch und übt weiter politischen Druck aus, am besten in Zusammenarbeit mit Gewerkschaften."
In Deutschland funktioniert dies bereits sehr gut. Hier kämpft die DGB-Jugend zusammen mit Fairwork e.V. seit 2005 für die Rechte von Praktikanten.
Conny Reuter, Vorsitzender der NGO SOLIDAR unterstützte den Ansatz und verwies auf die Möglichkeit von Tarifverhandlungen bezüglich Praktika. Er bestätigte, dass es unzureichend sei, wenn ein Praktikum gute Arbeitserfahrungen bietet, jedoch nicht bezahlt wird.
400 Euro = "reiche Praktikanten"
Florian Lamp von Fairwork e.V. bestätigte dies und schilderte seine Erfahrungen: "Eines meiner Praktika war mit 400 Euro vergütet – damit gehörte ich zu den 'reichen' Praktikanten." Trotzdem reichte das Einkommen nicht für seine Miete oder seinen Lebensunterhalt. So blieb er von der Unterstützung seiner Eltern abhängig.
Ania Skrzypek, Vorsitzende von ECOSY wies darauf hin, dass junge Leute Praktika benutzen um "überhaupt eine Aufgabe zu haben", also um der Arbeitslosigkeit zu entgehen. Sie sagte, dass es keine Chancengleichheit unter den Praktikanten und solchen, die es werden wollen, gäbe. Sie fordert deswegen: "Bildung soll umsonst und zugänglich für alle sein. Praktika sind Teil der Ausbildung und da sie oft große Unkosten mit sich bringen, ist es nur gerecht, wenn sie entlohnt werden."
Weiterhin wies Skrzypek auf die demographischen Probleme Europas hin: "Wenn wir unseren Jugendlichen die Möglichkeit verwähren finanziell unabhängig zu werden, wie sollen sie dann Familien gründen?" Zudem betonte sie, dass viele Praktikanten sich aus Angst nicht wehren.
Bericht: Frauke Austermann
Die Petition für faire Praktika kann man online unter http://generation-p.dgbj.org unterschreiben.
EU-Kommissar Vladimir Spidla probiert die weiße Maske an.
In der Diskussion: John Monks (EGB), Florian Lamp (fairwork e.V.), Katrin Teschner (WAZ), Vladimir Spidla (EU-Kommissar), Anja Skrzypek (ECOSY), Conny Reuter (solidar)
MdEP Stephen Hughes, Vorsitzender des Ausschusses für Arbeit und Beschäftigung, mit Praktikanten.
John Monks, Vorsitzender des Europäischen Gewerkschaftsbundes (EGB), begrüßte, dass sich Praktikanten organisieren.
Im Publikum: PraktikantInnen des EU-Parlaments.
Circa 100 Praktikanten des EU-Parlaments haben die Diskussion verfolgt.
Nicolas Tamalet (génération precaire, Frankreich) und Anna Schopf (Generation Praktikum, Austria)
Übersicht über unsere Beratungsangebote vor Ort für studentische Jobber und Praktikanten.
Wozu überhaupt Gewerkschaften - das fragt sich nicht nur mancher deutsche Arbeitgeber: "What have the unions ever done for us?" aus Australien jetzt mit deutschen Untertiteln! Eine deutsche Version gibts hier. Mehr Videos auf dem ver.di-Campus-Kanal aus dem Ruhrpott.