(dgb-jugend/A. Schackert, 9. März 2010) Nicht Bologna, Bonn ist gescheitert - so lautet das gemeinsame Fazit von Gewerkschaften und Studierenden. Und ein Bachelorstudium sollte mehr als sechs Semester dauern.
Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Die Bachelor-Studierenden deutscher Hochschulen können ein Lied singen von diesen Ungeheuern - und das Bundesbildungsministerium hat ihnen dabei auf den Mund geschaut: Laut einer Ende Februar 2010 veröffentlichten Studie der Uni Konstanz, fur die 17.000 Studierende befragt wurden, finden drei Viertel der JungakademikerInnen die neuen gestuften Studiengänge eine gute Idee - die nur leider schlecht ausgeführt wurde.
Die Studie bestätigt damit die gewerkschaftliche Kritik, wie sie schon zu Beginn des Wintersemesters von der GEW ausformuliert wurde: "Nicht Bologna ist gescheitert, sondern Bonn", heißt es da. Die Bundesländer hätten bei der Umstellung der Studiengänge verpaßt, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Und weiter: „Statt die Studienbedingungen zu verbessern, hat der Bologna-Prozess neue Studiengänge hervorgebracht, die in vielen Fällen schlicht nicht studierbar sind.“
Die neue Studie liefert nun die empirische Bestätigung für die Kritik, die Studierende im Herbst 2009 in einem bundesweiten Bildungsstreik artikulierten. "Die BRD hat die ursprünglichen Ziele der Bologna-Reform grandios verfehlt", kritisierte der AStA-Dachverband "freier zusammenschluß der studentinnenschaften" (fzs) damals. Und die IG Metall sekundierte mit einem Forderungskatalog für mehr Qualität im Studium, in dem es heißt: "Die Arbeitsbelastung der Studierenden ist unangemessen hoch. (...) Die Prüfungsmenge in den neuen Studiengängen hat den Druck auf die Studierenden verstärkt."
Dasselbe ergibt die Auswertung einer ursprünglich vom fzs initiierten Bologna-Umfrage unter bundesweit knapp 13.000 Studierenden: Bachelorstudenten müssen in der Regel doppelt so viele benotete Lehrveranstaltungen besuchen, wie Magisterstudis im selben Studienfach. Davon sind auch die Dozenten nicht begeistert. Laut einer Studie der Bildungsinternationale (also der internationalen Dachorganisation der Bildungsgewerkschaften) beklagen sie bereits, daß sie in die Umsetzung der Bologna-Ziele zu wenig eingebunden waren, im Ergebnis aber - bei zu geringer Personalausstattung - die Last von einem Mehr an Bürokratie und Betreuungsausfwand tragen müssen.
Zuletzt stimmen nun fast auch die europäischen Kultusminister, Väter des Bologna-Gedankens und Täter seiner fehlerhaften Umsetzung, in den Chor der Kritiker ein. In ihrer gemeinsamen Stellungnahme auf der 6. Bologna-Folge-Konferenz Anfang
März 2010 in Wien und Budapest geben sie zu, einige Reformen seien nicht ordentlich umgesetzt und erklärt worden. Sie versprechen, deshalb künftig bei der Formulierung von Reformzielen auch stärker auf kritische Stimmen der Studierenden und Lehrkräfte zu hören.Das gemeinsame Fazit von Gewerkschaften und Studierenden: Ein Bachelorstudium sollte mehr als sechs Semester dauern. Nur so kann verhindert werden, daß auch weiterhin zu viele Prüfungsleistungen und überladene Module zu einer "Art der Leistungserbringung" führen, die laut dem Autor der Studie "kalt und berechnend" ist - und zu 30 Prozent höheren Abbrecherquoten als bisherige Studiengänge.
Material
Die Konstanzer Studie - hier.
Die Studie der Bildungsinternationale - hier.
Die Studierenden-Bolognaumfrage - hier.
Die Abschlußerklärung der Bologna-Folgekonferenz 2010 - hier.
GEW: Bonn ist gescheitert, nicht Bologna - hier.
IG Metall-Forderungen mehr Qualität im Studium - hier.
fzs-Bildungsstreik-Aufruf - hier.
Bologna-Auswertung der European Students Union - hier.
Unsere Nachricht über die hohe Abbrecherquote in den neuen Studiengängen - hier.