(dgb-jugend, 26. April 2010) Wie geht es den Studierenden wirklich? Die Deutschen Studentenwerke (DSW) befragen alle drei Jahre tausende Studierende an deutschen FHs und Unis nach ihren Lebensumständen. Die Ergebnisse, eine Übersicht über Geld, Job, Studienbelastung und vieles mehr, stehen in der aktuellen Sozialerhebung.
Erdrutschartige Verschiebungen im Vergleich zur letzten Erhebung 2006 blieben aus, aber das ist alles andere als eine gute Nachricht. „Der niedrige Anteil von Kindern aus einkommensschwachen Familien unter den Studienanfänger/innen, die hohe Zahl von Studierenden, die nebenbei jobben müssen und die geringe Reichweite des BAföG gehören seit Jahren zu den wichtigsten sozialen Problemen der Hochschullandschaft. Die 19. Sozialerhebung zeigt, dass sie sich immer noch nicht von selbst gelöst haben", so das Fazit von DGB-Bundesjugendsekretär René Rudolf. "Bund und Länder müssen endlich eine Bildungspolitik betreiben, die jungen Menschen hilft, ihre Potenziale auszuschöpfen. Solange das Einkommen und die Bildung der Eltern de facto über den Hochschulzugang entscheiden, so lange Studienerfolg und Dauer vom Nebenjob bestimmt werden, müssen wir uns über Fachkräftemangel und sinkende Steuerneinnahmen nicht wundern.“
Natürlich gibt es aber auch Veränderungen in den letzten Jahren. Vor allem die nach 2002 meist unüberlegt neu eingeführten Studiengebühren und Bachelorstudiengänge führten zu neuen Belastungen für die betroffenen Studierenden.
Die wichtigsten Ergebnisse der 19. Sozialerhebung im Überblick: Das durchschnittliche
monatliche Einkommen der Studierenden ist seit 2006 um 44 Euro auf 812 Euro gewachsen. Zugleich wuchsen freilich auch die Kosten, zum Beispiel für Miete (15 Euro). Der Unterschied zwischen den Einkünften west- und ostdeutscher Studierender liegt bei 110 Euro monatlich, aber auch viele Kosten sind im Westen höher.
Die
Eltern tragen immer noch den Hauptanteil bei der Studienfinanzierung (ca. 5,2 Mrd. Euro im Jahr 2009), aber sie geben weniger. Weil zudem das BAföG (ca. 1,6 Mrd. Euro im Jahr 2009) nur 23 Prozent der Studierenden erreicht, ist der Anteil der Studierenden mit Nebenjob gewachsen (auf 66 Prozent). Der Anteil der Studierenden, die sich auch mit einem Kredit den Lebensunterhalt finanzieren (2009: Einer von 25 Studierenden), hat sich seit 2006 mehr als versechsfacht.
Weiterhin
nimmt nur jeder dritte junge Deutsche
ein Studium auf. Selbst bei denjenigen, die eine Hochschulzugangsberechtigung haben, wollen nur sieben von zehn auch studieren. Besonders hoch ist die Zurückhaltung bei Jugendlichen, deren Eltern nicht selbst studiert haben. Von vier Kindern aus Nicht-Akademikerhaushalten landet nur eins an Uni oder FH. Sie stellen deshalb weiterhin nur etwa die Hälfte der Studierenden. Von hundert Akademikerkindern schreiben sich hingegen 71 an den Hochschulen ein.
Auch
Frauen sind unterrepräsentiert: Ihr Anteil an den Studierenden ist noch immer geringer als an den Abiturienten. An Fachhochschulen stellen sie nur 38 Prozent der Studierenden, in den Ingenieurwissenschaften beträgt das Verhältnis zwischen Frauen und Männern sogar 1:4.
Studiengebühren sorgen für neue Schieflagen an den Hochschulen. Zwar schreiben sich die meisten Studierenden auch weiterhin in dem Bundesland ein, in dem sie Abitur gemacht haben - ganz gleich, ob es dort Studiengebühren gibt oder nicht. Aber diejenigen, die nicht zu Hause studieren wollen, gehen seltener in Bundesländer mit Studiengebühren. Zur Finanzierung der Studiengebühren wird zusätzlich gejobbt, werden zusätzlich Schulden gemacht (so finanziert jeder fünfte Studi in NRW die Gebühren auch durch Kredit) - und werden natürlich zusätzlich die Eltern herangezogen (von 60 Prozent der Studierenden, in Bayern und BaWü sogar von deutlich mehr).
Die neuen
Bachelorstudiengänge haben vielfältigen negativen Einfluss auf den Studienverlauf, vor allem weil sie im Vergleich mit anderen Studiengängen den höchsten Zeitaufwand für Veranstaltungen aufweisen:
- Der Aufwand fürs Selbststudium ist geringer als in allen anderen Studiengängen, wodurch die Qualität der wissenschaftlichen Ausbildung beeinträchtigt wird.
- Der Anteil der Studierenden, die einen Auslandsaufenthalt absolviert haben, ist nur halb so groß wie in anderen Studiengängen, obwohl das Interesse an einem Auslandssemester gleichbleibend hoch ist.
- Der Anteil der Studierenden mit Nebenjob liegt um fast zehn Prozent unter dem Durchschnitt - obwohl viele Studierende, besonders aus Arbeiter- und Angestelltenfamilien auf das Zusatzeinkommen angewiesen sind.
- Wenn der Studiengang gewechselt wird, erfolgt der Wechsel früher als bei anderen Studierenden. Kein Wunder, denn auch die Abbrecherquoten sind seit der Einführung des Bachelorstudiums - wegen Studienbedingungen wie der hohen Prüfungsdichte - innerhalb der ersten Semester höher als zuvor.
Die DGB-Jugend erwartet nun endlich Konsequenzen, die über geringfügige BAföG-Erhöhungen hinausgehen. René Rudolf: „Die 19. Sozialerhebung bestätigt unsere Kritik an zwei hochschulpolitischen Weichenstellungen der vergangenen Jahre. Die Einführung von Studiengebühren ist Gift für die Mobilität junger Menschen und für die lange überfällige soziale Öffnung der Hochschulen. Die handwerklich schlecht gemachten Bachelorstudiengänge verschlechtern nicht nur die Qualität der akademischen Ausbildung, sie verschärfen auch die Probleme, die gerade Studierende, die nicht aus einkommensstarken Familien kommen, bei der Studienfinanzierung haben. Und die Sozialerhebung zeigt: Um die Studierquote zu steigern, brauchen wir auch einen Paradigmenwechsel bei der Studienfinanzierung."
Die 19. Sozialerhebung im Netz:
hier.
Die erste Stellungnahme der GEW gibt es
hier.
Die erste Stellungnahme der IG Metall gibt es
hier.
(Autor: Andreas Schackert)