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Studienreform in der gewerkschaftlichen Kritik

Die häßliche Fratze des Bachelor-Master-Systems

(dgb-jugend, 6. Dezember 2010) Bachelor und Master: Die neuen Abschlüsse nach der Bologna-Reform sind am Bedarf vorbeigeplant und weder praxisnah noch nachhaltig angelegt. Aus gewerkschaftlicher Sicht brauchen sie dringend einen qualitative Verbesserung.

Bologna allerorten: Vier von fünf Studiengängen in Deutschland führen heute zu den neuen Abschlüssen, hat die Hochschulrektorenkonferenz vor wenigen Tagen stolz erklärt. Drei Viertel der Erstsemester immatrikuieren sich in einem Bachelor-Studiengang. Eine Erfolgsgeschichte, sollte man meinen, schließlich haben die Hochschulen hierzulande erst vor gut fünf Jahre richtig begonnen, die neuen Abschlüsse einzuführen. Doch für viele Studierende bietet ein Bachlorstudium beileibe keine Erfolgschancen.

Schließlich soll der Bachelor, der in der Regel schon nach drei Jahren Studierens erworben werden kann, ein berufsqualifizierender Abschluss sein - mit diesem Abschluss soll man also eine Anstellung als Akademiker finden. Andererseits qualifiziert er auch zum Weiterstudieren: Wer den Bachelor hat, kann ein Masterstudium anschließen, um am Ende noch mehr zu wissen und zu können.

Soviel zur Theorie. In der Praxis finden immer mehr Bachelor-AbsolventInnen weder das eine noch das andere - weder einen ordentlichen Job noch einen Masterstudienplatz:

Keine Chancen für Bachelor
Das Institut für Managementkompetenz (IMK) an der Universität des Saarlandes hat vor kurzem überprüft, was für Stellen die fünfzehn Firmen, die noch 2004 in der ersten "Bachelor Welcome"-Erklärung versprochen hatten, "Bachelor-Absolventen erhalten attraktive Einstiegschancen", diesen AbsolventInnen heute tatsächlich anbieten. Ergebnis der Studie "Chancen für Bachelor: Eine Momentaufnahme": In 86 Prozent der mehr als 1.000 Ausschreibungen, in denen Bachelors angesprochen wurden, ging es um Praktika, statt um echte Jobs; in weiteren neun Prozent um Trainee-Positionen. Nur ganze fünf Prozent der Angebote waren Direkteinstiege, also Stellen für den normalen Berufseinstieg. Nur leider waren die meisten dieser Stellen nicht nur für Bachelor-AbsolventInnen, sondern auch für AkademikerInnen mit Master- und mit Diplomabschlüssen ausgeschrieben - für höher Qualifizierte also, die sich wohl in vielen Fällen im Bewerbungsverfahren gegen BerufseinsteigerInnen mit Bachelorabschluss durchsetzen. Die Forscher von INCHER an der Uni Kassel konkretisieren das Dilemma: Bachelor-Absolventen bekommen zwar auch einen Job, sind aber häufiger befristet, werden oft nicht nach ihrer Qualifikation beschäftigt und fast durchgängig schlechter bezahlt. Das Vertrauen in die Qualität der mit viel Lerndruck und wenig Spielraum für wissenschaftliches Arbeiten ausgebildeten Bachelors scheint also recht gering zu sein. Statt der versprochenen attraktiven Einstiegschancen bietet man denen darum lieber an, sich im Betrieb erstmal richtig fürs Berufsleben zu qualifizieren.

Kein Weg zum Master
Wer nun meint, das Masterstudium sei ein Ausweg, der irrt. Denn die neuen Studiengänge sind zwar konsekutiv, aber das heißt nur, dass der zwei Jahre dauernde Master zwingend auf dem dreijährigen Bachelor aufbaut, nicht aber, das er auch zwingend auf ihn folgt. Denn wenn die Masse der Studierenden plötzlich fünf Jahre an der Hochschule bleibt und betreut werden möchte, statt wie noch vor wenigen Jahren mit den meisten Magister- und Diplomstudiengängen, vier Jahre, bräuchte man dafür ja mehr Räume, mehr Personal. Deshalb haben die Hochchulen im Einvernehmen mit den Geldgebern in den Wissenschaftministerien der Länder die Zahl der Masterstudienplätze streng begrenzt. Wer einen solchen Platz will, muss vielerorts nicht nur sehr gute Noten mitbringen, sondern noch weitere Voraussetzungen erfüllen. Nicht immer ist das zulässig, wie mittlerweile einige Gerichte befunden haben, aber daran, was rechtskonform ist und was rechtswidrig, mag sich eben nicht jeder halten, wenn nur wenige Plätze vergeben werden können: Manche Unis sortieren sogar MasterbewerberInnen mit Fachhochschulabschluss rigoros aus.

Den Ausweg suchen
Das Bachelorstudium, das sichtbarste Zeugnis der Bologna-Reformen, die eigentlich einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum schaffen sollten, bringt also vor allem AkademikerInnen hervor, die auf dem Arbeitsmarkt weniger wert sind - und an den Hochschulen kaum mehr Platz finden. Viele GewerkschafterInnen und progressive BildungspolitikerInnen haben diese Entwicklung vorhergesagt - doch zufrieden ist jetzt keiner. Selbst das wissenschaftliche Personal an den Hochschulen ist mit den neuen Studiengängen von Jahr zu Jahr weniger begeistert - wie gerade in einer Studie des Bundesbildungsministeriums herauskam. Klar ist also: Es geht nicht um ein Problem der Wirtschaft, die den Abschluss nicht zu schätzen weiß. Es geht um die fehlende Qualität, unsauber gestrickter, unbedacht zusammengeschusterter und übereilt eingeführter Studiengänge, denen es an Freiräumen und Anregungen für wissenschaftliches Arbeiten mangelt und die zugleich weder praxisnah noch nachhaltig angelegt sind. Diese Qualität eher heute als morgen zu schaffen, ohne dabei dem Irrtum zu erliegen, die sei mit der Wiederbelebung alter Abschlußgrade getan, muss nicht nur aus Sicht der Gewerkschaften derzeit die erste Aufgabe der Hochschulpolitik sein.

Der Autor (Andreas Schackert) ist Berater im DGB-Jugend-Projekt students at work.


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Anhang
Meldung der HRK zum Anteil neuer Studiengänge: hier.

Meldung der Zeitschrift "Forschung und Lehre" zur Studie "Chancen für Bachelor: Eine Momentaufnahme": hier.

Die Studie selbst: hier.

Die INCHER-Studie zu Internationalisierung, Strukturwandel und verändertem Arbeitsmarkt für Absolventen auf den Seiten der Uni Kassel: hier.

Meldung der "Frankfurter Rundschau" zu fehlenden Masterplätzen: hier.

Meldung von "Spiegel online" zur Benachteiligung von FH-BachelorabsolventInnen: hier.

Studie des HIS im Auftrag des BMBF zur Studienstrukturreform aus Sicht des wissenschaftlichen Nachwuchses: hier.

Mehr zu Chancen der Gewerkschaften aus dem Bolognaprozeß - hier.


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