(dgb-jugend, 11. Mai 2011) Markus Henrik liest, harte Daten flackern
über den Bildschirm: Die DGB-Jugend diskutiert in der Berliner
Volksbühne am 10. Mai 2011 mit Politikern, Unternehmern und Betroffenen
über die Generation Praktikum. Fazit: Es gibt Handlungsbedarf.
Ausgebeutet,
ausgenutzt, übers Ohr gehauen: Dem Praktikanten-Helden in Markus
Henriks Roman "Copy Man" geht es nicht wirklich gut. Aber er lässt nicht
locker, findet Gleichgesinnte und beginnt sich zu wehren...
Autor
Markus Henrik hat Erfahrung mit dem unbezahlten Gewerbe. Er absolvierte
mehrere Praktika in Verlagen und verpackte die Erlebnisse in einen
äußert unterhaltsamen Roman, sodass er jetzt hier einen Gag nach dem
anderen raushauen kann.
Dabei ist Henriks Vortrag - ganz
zeitgemäß - multimedial. Nun steht er am Mikro im Grünen Salon der
Berliner Volksbühne und liest gestenreich vor, dazwischen aber lässt er
zu Illustrationszwecken kleine Filme auf einer Leinwand laufen. Wenn er
dann selbst mit den Filmfiguren redet, gibt das hübsche Effekte. Ganz
Selbstmarketing-Profi vergisst er nicht zu erwähnen, wo und wann man
sein Buch kaufen kann: Hier und Jetzt.
Markus Henrik, der Mann
der Praxis - derzeit sitzt er an einer Doktorarbeit über die Einflüsse
des Terrorismus auf die Popmusik -, ist die Ein-Mann-Vorgruppe zur
eigentlichen Veranstaltung. Denn an diesem Abend des 10. Mai 2011 hat
die DGB-Jugend Politiker, Ex-Praktikanten, Unternehmer und sich selbst
in eine Talkrunde gesetzt. Thema: Generation Praktikum.
Wenige
Tage ist es her, dass der DGB dazu eine Studie veröffentlicht hat, es
sind die ersten belastbaren Daten seit vier Jahren. Erstens: 40 Prozent
der Praktika von Hochschulabsolventen sind ohne Vergütung. Ein guter
Teil derer, die ein Praktikum absolvieren, ist auf Unterstützung
angewiesen, zum Teil sogar auf Hartz IV.
Zweitens: Die
Unternehmen sind dazu übergegangen, das Praktikum nach dem Studium zum
Normalfall zu erklären. Damit sind sie ein weiterer Baustein in der
Prekarisierung des Arbeitsmarktes, in dem nur eine Regel gilt: Man
bietet seine Dienste umsonst an!
Sitzungssaal Grüner Salon: (v.l.): Sabrina Klaus-Schelletter, Swen
Schulz, Nicole Gohlke, Dana Nouzovska, René Rudolf, Kristina Kämpfer,
Kai Gehring, Miriam Zink, Markus Henrik
Die DGB-Jugend hat
ihr Podium prominent besetzt. Da sind Swen Schulz (SPD), Nicole Gohlke
(Die Linke) und Kai Gehring (Grüne), allesamt Mitglieder des
Bundestages. Gekommen sind auch Kristina Kämpfer, die Bundesvorsitzende
der Liberalen Hochschulgruppen, und Dana Nouzovska, Personalerin bei der
Recycling-Firma Alba Group. Und Miriam Zink: Die Grafikerin absolvierte
mehrere Praktika und ist nun freiberuflich tätig. Für die DGB-Jugend
hat sie - zusammen mit Jaap York - eine Ausstellung entworfen, die das
Thema prekärer Berufeinstieg auf Stelltafeln illustriert. Von der
DGB-Jugend sind Sabrina Klaus-Schelletter und Bundesjugendsekretär René
Rudolf am Start. Jugendreferentin Jessica Heyser sorgt mit Einspielungen
und Statements aus der DGB-Studie für harte Fakten in der Diskussion.
Die
drei vom Bundestag setzen sich für gesetzliche Regelungen ein, was das
Praktikum angeht. Enge zeitliche Begrenzung, Richtlinien für die
Vergütung. Wenn man’s genau nimmt: Praktika nach dem Studium könnte man
auch gleich verbieten: "Praktika kann sich ja keiner mehr leisten, wenn
man draufzahlt, um eins absolvieren zu dürfen", beschreibt Schulz den
Ist-Zustand.
Wirklich Spielraum für gesetzliche Regelungen sieht
er aber nicht. Im gegenwärtigen Politikbetrieb spielt das Thema
Praktikum keine große Rolle. Immerhin: Die ein oder andere Partei hat
sich eine Selbstverpflichtung auferlegt, für gute Praktika in ihren
eigenen Reihen.
Einig sind sich die Politiker, dass der
öffentliche Dienst eine Vorreiterrolle haben soll. Ihre Fraktion habe in
der letzten Legislaturperiode entsprechende Anträge eingebracht, sagt
Gohlke. "Ich bin der Meinung, dass man das Thema in größerem, in
volkswirtschaftlichem Zusammenhang sehen muss."
Das
Normalarbeitsverhältnis müsse wieder in den Mittelpunkt rücken, es mache
keinen Sinn, dass die Arbeit über Organisationsformen wie Praktika,
Teilzeit und Befristungen für lau zu haben sei. "Da müssen die
Gewerkschaften auch Druck machen", so Gohlke.
Stichwort
Mindestlohn. Viele europäische Länder haben ihn. Sogar in Hongkong wurde
er eingeführt. Nur in Deutschland ist eine Lohnuntergrenze, wie es
scheint, nicht machbar. Grüne, Linke und SPD machen sich für ihn stark
und erhoffen sich davon ein Regulativ für den ramponierten Faktor
Arbeit. "Fair statt prekär" fasst Gehring zusammen.
Dass
öffentlicher Druck Sinn macht, bestätigt Alba-Frau Nouzovska, die - wie
sollte es anders sein? - über ein Praktikum zur Firma kam. Früher hätte
es auch dort viele schlechte Praktika zumal nach Hochschulabschluss
gegeben. Damit sei nun aber Schluss. Der Grund: Alba hatte sich ein
wenig in seinen Bewerbern vergriffen. Denn ausgerechnet Bettina König,
Mitstreiterin des Praktikantennetzwerkes Fairwork e.V., sei als
Interessentin für ein Praktikum bei Alba mit den schlechten Bedingungen
dort konfrontiert gewesen. Die streitfreudige Fairwork-Aktivistin hatte
öffentlich gemacht, was Alba mit seinen Berufeinsteigern bis dato
veranstaltete. Heute sitzt sie im Publikum und kann sich von der
Vertreterin der Alba-Personalabteilung für ihr Engagement loben lassen.
Schließlich,
so Nouzovska, gehe es der Firma jetzt, mit neuen Praktia-Regelungen,
auch wieder besser - das sei ja keine Art des Arbeitens gewesen.
Miriam
Zink, die ehemals Betroffene, sekundiert: Praktika sollten straff
geregelt werden. Ansonsten seien sie als reguläre Arbeit zu betrachten.
Nun
schränkt aber Kristina Kämpfer von den Liberalen Hochschulgruppen ein,
dass das Praktikum nach dem Studium durchaus eine gute
Einstiegsmöglichkeit sei. "In den Branchen, die mein Studienfach
Politikwissenschaft betreffen, sind sie zum Knüpfen von Kontakten
notwendig", sagt Kämpfer - deren Organisation in Sachen Berufseinstieg
im Übrigen auch immer härter draufkommt. Es passiert eben nichts in
Richtung Verbesserung.
Ist dem wirklich so, dass man
daraus schließen könnte, das sei der Regelfall? Und überhaupt, manche
Parteien haben Selbstverpflichtungen in Sachen Praktika diskutiert bzw.
umgesetzt. Wie hält es die FDP damit?
Na, so ganz ideal sei das
da auch wieder nicht, gibt sie auf Nachfrage zu. Sie habe ein Praktikum
gemacht, und zwar bei der FDP-Bundestagsfraktion. Das sei unbezahlt
gewesen, aber die Qualität war gut. "Ich werde mir das jetzt auf jeden
Fall mal genau anschauen", sagt die junge Liberale.
"Die
Gewerkschaftsjugend wird den Missbrauch von Praktika weiterhin
bekämpfen", fasst René Rudolf für seine Organisation zusammen. Praktika
müssten als Lernverhältnis definiert werden und gehörten in die
Ausbildung, in das Studium. Die Gewerkschaften werden auch darauf
hinarbeiten, die bei ihnen Betriebsräte und Jugendvertretungen für das
Problem zu sensibilisieren. An diesem Abend hat es ja auch geklappt -
sogar, siehe Kristina Kämpfer, bei Nichtgewerkschaftsmitgliedern.
Wie
ist es eigentlich dem Helden Anton in Markus Henriks Buch noch
ergangen? Gemeinsam mit Gleichgesinnten schwört er Rache - die
Berufeinsteiger lassen den bösen Chef am Ende von "Copy Man" im Web 2.0
hochgehen.
Jürgen Kiontke Alle Infos und Materialien zur Praktika-Studie:
hier.

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