(dgb-jugend, 4. Mai 2011) Die DGB-Jugend-Studie "Generation Praktikum
2011": Die Unternehmen ersetzen mit PraktikantInnen zunehmend reguläre
Arbeitskräfte. Bezahlt wird selten.
Ohne Praktika weniger
Umsatz: Zu dieser Schlussfolgerung muss man jedenfalls kommen, wenn man
sich die Zahlen der neuen DGB-Jugend-Studie zu HochschulabsolventInnen
anschaut. Titel: "Generation Praktikum 2011". Ergebnis: Praktika direkt
nach dem Studienabschluss kommen sehr häufig vor. Und vier von fünf
PraktikantInnen leisten vollwertige Arbeit in den Betrieben. Drei von
vier geben an, dass sie fest in die Arbeitsabläufe eingeplant sind.
DGB-Bundesjugendsekretär
René Rudolf: "Akademikern ergeht es auf dem Arbeitsmarkt zwar besser
als jungen Menschen ohne Hochschulabschluss. Aber sie können sich
keineswegs darauf verlassen, dass sie dank ihres Studiums einen
sicheren, unbefristeten und angemessen bezahlten Arbeitsplatz finden."
Dies
ist die zweite Studie dieser Art. Bereits im Jahr 2007 hat die
DGB-Jugend gemeinsam mit der Hans-Böckler-Stiftung eine
Praktikums-Befragung unter AbsolventInnen von Universitäten initiiert.
Nun
haben Hans-Böckler-Stiftung und DGB-Jugend erneut den Rahmen gesetzt.
Heidemarie Hecht vom Arbeitsbereich Absolventenforschung von der FU
Berlin hat wie bereits bei der Vorgängerstudie gemeinsam mit Boris
Schmidt die Befragung und Auswertung übernommen. Das Schwerpunktthema
der Befragung waren Praktika nach Studienabschluss.
Insgesamt
wurden 674 AbsolventInnen befragt aus vier deutschen Universitäten -
Hamburg, Rostock, Berlin (Freie Universität) sowie Köln. Die Befragten
haben einen Online-Fragebogen ausgefüllt, in dem sie ihren beruflichen
Werdegang in den dreieinhalb Jahren zwischen Studienabschluss und dem
Befragungszeitpunkt beschreiben sollten.
Praktika direkt nach dem
Studienabschluss sind die häufigste "Beschäftigungsform". 28 Prozent
gaben an, dass sie unmittelbar nach dem Studium erst einmal ein
Praktikum, ein Trainee-Programm oder ein Volontariat absolviert haben.
Etwa ähnlich viele, 27 Prozent, landeten in befristeten
Beschäftigungsverhältnissen. Nur 19 Prozent, also jeder fünfte, erhielt
einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Innerhalb der ersten dreieinhalb
Jahre nach dem Ende des Studiums haben sogar 38 Prozent der Befragten
mindestens ein Praktikum oder eine praktikumsähnliche Beschäftigung nach
dem Studium absolviert. 81 Prozent geben an, dass sie vollwertige
Arbeit geleistet haben. Bei 75 Prozent war die Arbeit fest in den
Betriebsablauf eingeplant. Dies deutet darauf hin, dass postgraduelle
Praktika zum Teil reguläre Beschäftigung ersetzen.
AbsolventInnen
befinden sich während der Praktika zum Großteil in einer finanziellen
Abhängigkeitssituation: 40 Prozent der Praktika sind gänzlich unbezahlt,
die bezahlten Praktika liegen bei durchschnittlich 550 Euro im Monat.
Darum müssen andere Finanzierungsquellen herangezogen werden: 56 Prozent
werden durch die Eltern unterstützt, 43 Prozent setzen eigene
Ersparnisse ein und ein nicht unbeträchtlicher Anteil von 22 Prozent ist
während der Praktika auf Sozialleistungen angewiesen. Muss die
Gesellschaft den Unternehmen diese indirekte Finanzspritze gewähren?
"Mit
dem eigentlichen Sinn von Praktika hat das nichts mehr zu tun",
konstatiert die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock bei
der Vorstellung der Studie in Berlin am 4. Mai 2011. Viele Unternehmen
dächten offenbar gar nicht mehr daran, AbsolventInnen direkt nach dem
Studium regulär zu beschäftigten. Ihr Argument: Es fehle den
HochschulabgängerInnen an Praxiserfahrung.
Glaubwürdig ist diese
Begründung allerdings nicht. Zum Zeitpunkt des Studienabschlusses
verfügt jede Absolventin und jeder Absolvent bereits über eine Erfahrung
von durchschnittlich vier Praktika unterschiedlicher Art, Dauer und
Funktion. Hinzu kommt, dass zwei Drittel der Studierenden während des
Studiums jobben, und das häufig qualifiziert und fachnah.
PraktikantInnen
sind kostengünstig, belastbar, qualifiziert und man kann sie schnell
wieder loswerden, wenn man sie nicht mehr braucht. Sie sind eine
preiswerte Alternative zu regulären, sozialversicherungspflichtigen
Beschäftigten. Praktikanten werden immer mehr als fester Bestandteil im
Betrieb gesehen und leisten vollwertige Arbeit - zu einem Spottpreis.
Trotz
sinkender Arbeitslosigkeit und drohendem Fachkräftemangel hat sich
wenig verbessert gegenüber der letzten Studie von 2007. Im Gegenteil: In
einigen Bereichen hat sich die Lage sogar noch verschlechtert.
"Es
geht nicht mehr nur darum, dass Praktikantinnen und Praktikanten das
Recht auf eine faire Behandlung und professionelle Betreuung haben",
sagt Sehrbrock. Es gehe längst auch darum, die Fachkräfte von morgen
auszubilden und für den Arbeitsmarkt zu sichern.
Nachtrag am elften Juni:
Die Bundeskanzlerin Angela Merkel hält die Probleme der "Generation prekär" nicht für Hirngespinste. In einem heute veröffentlichen Videointerview
mahnt sie die Wirtschaft zu differenzierter Bewertung des
Fachkräftemangels: "Oft gibt es erst mal nur Praktika, anschießend gibt
es befristete Arbeitsverträge. Wer sein Fachpersonal langfristig halten
möchte, der muß auch bereit sein, auch jungen Menschen eine gute
Perspektive zu geben. Das heißt, sie ordentlich zu bezahlen, aber eben
auch nicht immer wieder befristete Arbeitsverträge anzubieten." Nun sind
wir aber gespannt, wie in der Bundesregierung ab morgen Praktikanten
entlohnt werden und wieviele Stellenausschreibungen des Bundes zukünftig
unbefristet sind.
Materialien und O-Töne zur Praktikastudie 2011
Übersicht über unsere Beratungsangebote vor Ort für studentische Jobber und Praktikanten.
Wozu überhaupt Gewerkschaften - das fragt sich nicht nur mancher deutsche Arbeitgeber: "What have the unions ever done for us?" aus Australien jetzt mit deutschen Untertiteln! Eine deutsche Version gibts hier. Mehr Videos auf dem ver.di-Campus-Kanal aus dem Ruhrpott.