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Zeugnisse verbrennen


Zeugnisse zu Asche, Noten zu Staub!

Die Vorgeschichte

Julia ist zufrieden; sie wollte im neuen Schuljahr in ihrer SchülerInnenvertretung (SV) mitarbeiten und wurde auch prompt vom Schülerrat (SR) in das SV-Team der Otto-Herz-Schule gewählt. Zusammen mit Sarah, Tina, Ahmed, Heiko und Wladimir wird sie also im kommenden Jahr ihre Schule mitgestalten, die Arbeit der SV koordinieren und viele Diskussionen führen.

Als erstes steht auf dem Arbeitsplan des SV-Teams ein Treffen mit dem SV-Team des letzten Schuljahres, damit dieses seine Erfahrungen und Ratschläge an die neu gewählten weitergeben kann. Ein Ratschlag wird von den Neuen sofort als sinnvoll erachtet: Im letzten Jahr verliefen die ersten SR-Sitzungen sehr chaotisch, weil niemand so recht wusste, was dort diskutiert werden soll. Deswegen entschied sich das damalige SV-Team dazu, auf SR-Sitzungen neben den regulären Themen immer ein bestimmtes inhaltliches Thema bei SR-Sitzungen zu behandeln.


Die Aktionsidee entsteht


Nach seiner "Einarbeitung" macht sich das neue SV-Team auch gleich an die Vorbereitung der kommenden SR-Sitzung; dort wollen sie die Jahresplanung vorstellen und diskutieren, aber auch ein Brainstorming möglicher inhaltlicher Themen für die nächsten SR-Sitzungen machen. Bei der SR-Sitzung werden viele Themenvorschläge gemacht. Nach einer Debatte einigen sich die Schülerinnen und Schüler auf folgende Themen für die kommenden SR-Sitzungen:
  • Lehrstellenmangel - was kann man dagegen tun?
  • Ganztagsschule - ja oder nein?
  • Rassismus und Antisemitismus an der Schule - ein Problem bei uns?
  • Zeugnisse und Noten - Sind sie gerecht?
Wohl noch in Erinnerung an die Zeugnisse des letzten Schuljahres entscheiden sich die Schülerinnen und Schüler, das Thema "Zeugnisse und Noten - Sind sie gerecht?" gleich auf der kommenden SR-Sitzung zu behandeln.


Die Aktionsidee wird diskutiert

Das SV-Team überlegt bei seiner Sitzung lange, wie dies wohl am besten vorbereitet werden kann und diskutiert bei dieser Gelegenheit schon selbst, was für und was gegen Noten spricht. In der Diskussion spricht sich Julia entschieden gegen Noten und Zeugnisse aus; Unterstützung erfährt sie dabei von Achmed und Sarah. Wladimir hingegen hält es für vollkommenen Quatsch, da er sich Schule ohne Noten nicht vorstellen kann, ähnlich sieht das Tina; Heiko ist unentschieden. Sie einigen sich darauf, dass Julia und Wladimir jeweils ein Thesenpapier zur SR-Sitzung vorbereiten, in dem sie darstellen sollen, was für ihre Position spricht. Bei der SR-Sitzung stellt Wladimir als erstes sein Thesenpapier vor, dies sieht folgendermaßen aus: Warum Noten an Schulen notwendig sind Thesenpapier von Wladimir
  • Schülerinnen und Schüler erwarten Rückmeldung über ihre Leistungen; sie wollen wissen was sie gut können und was sie noch lernen müssen.
  • Gute Noten bekommt, wer gut in der Schule ist. So gewährleisten Noten, dass nicht jede, die mal eine Schule von innen gesehen hat, gleich Ärztin wird
  • Wenn man sich später für eine Lehrstelle oder einen Studienplatz bewirbt, wollen die Arbeitgeber und die Unis wissen, was man kann. Ohne Noten-Zeugnisse ist dies nicht ersichtlich.
Im Anschluss stellt Julia ihr Thesenpapier vor. Es geht auch ohne Noten Thesenpapier von Julia
  • Noten sind nicht objektiv. Die Note, die man bekommt, hängt von dem Lehrer ab, der sie gibt. Kann der Lehrer eine Schülerin nicht leiden, so ist auch zu befürchten, dass deren Noten schlechter ausfallen.
  • Noten spiegeln nicht den Lernprozess wieder. Sie geben also keine Auskunft darüber, wieso man eine 1 oder eine 4 bekommen hat.
  • Noten setzen sich zu einem Großteil aus den schriftlichen Noten zusammen. Schneidet man bei einer Klausur oder Arbeit mal nicht so gut ab, weil die Freundin am Tag zuvor Schluss gemacht hat oder der Opa gestorben ist, findet dies keinerlei Berücksichtigung.
  • In die Note fließen immer Bewertungen des Verhaltens der Schülerin ein. Erbringt eine Schülerin die gewünschten Leistungen, stört aber regelmäßig den Unterricht, läuft sie Gefahr, eine schlechtere Note zu bekommen. Damit festigen sie auch die Ungleichberechtigung zwischen Lehrern und Schülern und schaden somit einem harmonischen Schulklima.
Anschließend werden sie Thesen von Wladimir und Julia diskutiert und auch ergänzt. In der Diskussion stellt sich außerdem heraus, dass die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler in der Tendenz Julias Argumentation gegen Noten aufgeschlossener ist als der von Wladimir. Deswegen wollen die Schülerinnen und Schüler der Otto-Herz-Schule nun auch auf ihre Kritik an Noten aufmerksam machen und beauftragen also das SV-Team, bei der nächsten Zeugnisvergabe im Januar eine Aktion gegen Noten zu machen.



Die Aktionsidee wird umgesetzt

Das SV-Team bespricht, mit der Planung Mitte November anzufangen, um so zu vermeiden, durch die Winterferien in zeitlichen Verzug zu kommen. Bei der Sitzung im November überlegen sie sich dann, wie eine Aktion gegen Noten aussehen könnte. Achmed hat die beste Idee: Er schlägt vor, auf dem Rathausplatz, an dem die meisten Schülerinnen und Schüler nach der Schule vorbeikommen, am Tag der Zeugnisvergabe eine öffentliche Verbrennung der Zeugnisse zu machen.

Heiko hat Bedenken, ihn erinnert das ganze an die von den Nazis durchgeführten Bücherverbrennungen der Werke regimekritischer und/oder jüdischer Autoren.

Achmed und Julia wenden ein, dass öffentliche Verbrennungen keineswegs in einer ausschließlich faschistischen Tradition stünden. Beispielsweise wurden in Deutschland in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts die Einberufungsbescheide zur Bundeswehr verbrannt. Nach dem Motto "Von Deutschland darf nie wieder ein Krieg ausgehen" haben sich die Bürger somit gegen eine neue deutsche Armee gewehrt. Und der Unterschied sei schließlich, dass sich die Bücherverbrennungen zum einen explizit gegen eine Bevölkerungsgruppe gewandt haben und zum anderen die Bevölkerung damit eingeschüchtert werden sollte, damit sie sich nicht regimekritisch äußern.
Bei einer Zeugnisverbrennung ginge es aber nicht darum, anderen die Meinung zu verbieten, sondern vielmehr darum, einen Zustand in der Schule zu kritisieren, der aus Sicht der Schülerinnen und Schüler dem Lernen nicht zuträglich ist. Nach weiterer Debatte ist auch Heiko überzeugt und das SV-Team überlegt nun, wie es weiter gehen soll. Zur nächsten SV-Team Sitzung sollen Heiko und Sarah die rechtlichen Fragen klären, also ob es erlaubt ist, öffentlich Zeugnisse zu verbrennen.

Sobald dies klar ist, wollen sie den weiteren Arbeitsfahrplan entwickeln. Heiko und Sarah finden heraus, dass öffentliche Verbrennungen erlaubt sind, sie aber beim Ordnungsamt als Straßentheater oder Demonstration angemeldet werden müssen. Allerdings ist es nicht erlaubt, die Originalzeugnisse zu verbrennen. Sie entschließen sich daher, dazu aufzurufen, dass lediglich die Kopien der Zeugnisse verbrannt werden sollen. Nach vielen Überlegungen steht letztendlich auch der Maßnahmenplan. Dieser sieht wie folgt aus:


Die Aktion findet erfolgreich statt

Mit diesem Arbeitsplan im Gepäck bereiten die Schülerinnen und Schüler die bevorstehende Zeugnisverbrennung vor. Als es dann am 27. Februar soweit ist, sind alle hellauf begeistert. Die Lokalzeitung hatte am Vortag über die Zeugnisverbrennung berichtet. Julia hat sich über den Artikel geärgert, weil die Aktionsidee von der Journalistin als naiv dargestellt wurde. Dessen ungeachtet freut sie sich aber; schließlich ist beinahe jede Presse gute Presse.
Wie erwartet kommen die meisten Schüler der Otto-Herz-Schule zum Rathausplatz, um an der Zeugnisverbrennung teilzunehmen. Auch die Passanten schauen interessiert zu. Einige finden "die Jugend von heute" wie immer unmöglich und pöbeln rum; die meisten schauen dem Schauspiel aber interessiert zu und diskutieren auch mit den Schülerinnen und Schülern.
Die Journalistin von der Lokalzeitung ist auch wieder dabei und nach einem Interview mit Julia steht sie der ganzen Aktion auch etwas aufgeschlossener gegenüber.

Als die letzten Zeugnisse nur noch als Asche in der großen Tonne dahinglimmen, sind die Schüler zwar etwas enttäuscht - schließlich hat alles so viel Spaß gemacht - freuen sich aber bereits auf die nächste Zeugnisverbrennung.


Broschüre SV-Tipps: Tipps und Tricks für die SchülerInnenvertretung (November 2004, PDF 1,8 MB)