Julia ist zufrieden; sie wollte im neuen Schuljahr in ihrer
SchülerInnenvertretung (SV) mitarbeiten und wurde auch prompt vom
Schülerrat (SR) in das SV-Team der Otto-Herz-Schule gewählt. Zusammen
mit Sarah, Tina, Ahmed, Heiko und Wladimir wird sie also im kommenden
Jahr ihre Schule mitgestalten, die Arbeit der SV koordinieren und viele
Diskussionen führen.
Als erstes steht auf dem Arbeitsplan des SV-Teams ein Treffen mit dem
SV-Team des letzten Schuljahres, damit dieses seine Erfahrungen und
Ratschläge an die neu gewählten weitergeben kann. Ein Ratschlag wird
von den Neuen sofort als sinnvoll erachtet: Im letzten Jahr verliefen
die ersten SR-Sitzungen sehr chaotisch, weil niemand so recht wusste,
was dort diskutiert werden soll. Deswegen entschied sich das damalige
SV-Team dazu, auf SR-Sitzungen neben den regulären Themen immer ein
bestimmtes inhaltliches Thema bei SR-Sitzungen zu behandeln.
Die Aktionsidee entsteht
Nach seiner "Einarbeitung" macht sich das neue SV-Team auch gleich an
die Vorbereitung der kommenden SR-Sitzung; dort wollen sie die
Jahresplanung vorstellen und diskutieren, aber auch ein Brainstorming
möglicher inhaltlicher Themen für die nächsten SR-Sitzungen machen.
Bei der SR-Sitzung werden viele Themenvorschläge gemacht. Nach einer
Debatte einigen sich die Schülerinnen und Schüler auf folgende Themen
für die kommenden SR-Sitzungen:
Lehrstellenmangel - was kann man dagegen tun?
Ganztagsschule - ja oder nein?
Rassismus und Antisemitismus an der Schule - ein Problem bei uns?
Zeugnisse und Noten - Sind sie gerecht?
Wohl noch in Erinnerung an die Zeugnisse des letzten Schuljahres
entscheiden sich die Schülerinnen und Schüler, das Thema "Zeugnisse und
Noten - Sind sie gerecht?" gleich auf der kommenden SR-Sitzung zu
behandeln.
Die Aktionsidee wird diskutiert
Das SV-Team überlegt bei seiner Sitzung lange, wie dies wohl am besten
vorbereitet werden kann und diskutiert bei dieser Gelegenheit schon
selbst, was für und was gegen Noten spricht. In der Diskussion spricht
sich Julia entschieden gegen Noten und Zeugnisse aus; Unterstützung
erfährt sie dabei von Achmed und Sarah. Wladimir hingegen hält es für
vollkommenen Quatsch, da er sich Schule ohne Noten nicht vorstellen
kann, ähnlich sieht das Tina; Heiko ist unentschieden. Sie einigen sich
darauf, dass Julia und Wladimir jeweils ein Thesenpapier zur SR-Sitzung
vorbereiten, in dem sie darstellen sollen, was für ihre Position
spricht. Bei der SR-Sitzung stellt Wladimir als erstes sein
Thesenpapier vor, dies sieht folgendermaßen aus: Warum Noten an Schulen
notwendig sind Thesenpapier von Wladimir
Schülerinnen und Schüler erwarten Rückmeldung über ihre Leistungen;
sie wollen wissen was sie gut können und was sie noch lernen müssen.
Gute Noten bekommt, wer gut in der Schule ist. So gewährleisten
Noten, dass nicht jede, die mal eine Schule von innen gesehen hat,
gleich Ärztin wird
Wenn man sich später für eine Lehrstelle oder einen Studienplatz
bewirbt, wollen die Arbeitgeber und die Unis wissen, was man kann. Ohne
Noten-Zeugnisse ist dies nicht ersichtlich.
Im Anschluss stellt Julia ihr Thesenpapier vor.
Es geht auch ohne Noten Thesenpapier von Julia
Noten sind nicht objektiv. Die Note, die man bekommt, hängt von dem
Lehrer ab, der sie gibt. Kann der Lehrer eine Schülerin nicht leiden,
so ist auch zu befürchten, dass deren Noten schlechter ausfallen.
Noten spiegeln nicht den Lernprozess wieder. Sie geben also keine Auskunft darüber, wieso man eine 1 oder eine 4 bekommen hat.
Noten setzen sich zu einem Großteil aus den schriftlichen Noten
zusammen. Schneidet man bei einer Klausur oder Arbeit mal nicht so gut
ab, weil die Freundin am Tag zuvor Schluss gemacht hat oder der Opa
gestorben ist, findet dies keinerlei Berücksichtigung.
In die Note fließen immer Bewertungen des Verhaltens der Schülerin
ein. Erbringt eine Schülerin die gewünschten Leistungen, stört aber
regelmäßig den Unterricht, läuft sie Gefahr, eine schlechtere Note zu
bekommen. Damit festigen sie auch die Ungleichberechtigung zwischen
Lehrern und Schülern und schaden somit einem harmonischen Schulklima.
Anschließend werden sie Thesen von Wladimir und Julia diskutiert und
auch ergänzt. In der Diskussion stellt sich außerdem heraus, dass die
Mehrheit der Schülerinnen und Schüler in der Tendenz Julias
Argumentation gegen Noten aufgeschlossener ist als der von Wladimir.
Deswegen wollen die Schülerinnen und Schüler der Otto-Herz-Schule nun
auch auf ihre Kritik an Noten aufmerksam machen und beauftragen also
das SV-Team, bei der nächsten Zeugnisvergabe im Januar eine Aktion
gegen Noten zu machen.
Die Aktionsidee wird umgesetzt
Das SV-Team bespricht, mit der Planung Mitte November anzufangen, um so
zu vermeiden, durch die Winterferien in zeitlichen Verzug zu kommen.
Bei der Sitzung im November überlegen sie sich dann, wie eine Aktion
gegen Noten aussehen könnte. Achmed hat die beste Idee: Er schlägt vor,
auf dem Rathausplatz, an dem die meisten Schülerinnen und Schüler nach
der Schule vorbeikommen, am Tag der Zeugnisvergabe eine öffentliche
Verbrennung der Zeugnisse zu machen.
Heiko hat Bedenken, ihn erinnert das ganze an die von den Nazis
durchgeführten Bücherverbrennungen der Werke regimekritischer und/oder
jüdischer Autoren.
Achmed und Julia wenden ein, dass öffentliche Verbrennungen keineswegs
in einer ausschließlich faschistischen Tradition stünden.
Beispielsweise wurden in Deutschland in den 50er Jahren des 20.
Jahrhunderts die Einberufungsbescheide zur Bundeswehr verbrannt. Nach
dem Motto "Von Deutschland darf nie wieder ein Krieg ausgehen" haben
sich die Bürger somit gegen eine neue deutsche Armee gewehrt. Und der
Unterschied sei schließlich, dass sich die Bücherverbrennungen zum
einen explizit gegen eine Bevölkerungsgruppe gewandt haben und zum
anderen die Bevölkerung damit eingeschüchtert werden sollte, damit sie
sich nicht regimekritisch äußern.
Bei einer Zeugnisverbrennung ginge es aber nicht darum, anderen die
Meinung zu verbieten, sondern vielmehr darum, einen Zustand in der
Schule zu kritisieren, der aus Sicht der Schülerinnen und Schüler dem
Lernen nicht zuträglich ist. Nach weiterer Debatte ist auch Heiko
überzeugt und das SV-Team überlegt nun, wie es weiter gehen soll. Zur
nächsten SV-Team Sitzung sollen Heiko und Sarah die rechtlichen Fragen
klären, also ob es erlaubt ist, öffentlich Zeugnisse zu verbrennen.
Sobald dies klar ist, wollen sie den weiteren Arbeitsfahrplan
entwickeln.
Heiko und Sarah finden heraus, dass öffentliche Verbrennungen erlaubt
sind, sie aber beim Ordnungsamt als Straßentheater oder Demonstration
angemeldet werden müssen. Allerdings ist es nicht erlaubt, die
Originalzeugnisse zu verbrennen. Sie entschließen sich daher, dazu
aufzurufen, dass lediglich die Kopien der Zeugnisse verbrannt werden
sollen. Nach vielen Überlegungen steht letztendlich auch der
Maßnahmenplan. Dieser sieht wie folgt aus:
Die Aktion findet erfolgreich statt
Mit diesem Arbeitsplan im Gepäck bereiten die Schülerinnen und Schüler
die bevorstehende Zeugnisverbrennung vor. Als es dann am 27. Februar
soweit ist, sind alle hellauf begeistert. Die Lokalzeitung hatte am
Vortag über die Zeugnisverbrennung berichtet. Julia hat sich über den
Artikel geärgert, weil die Aktionsidee von der Journalistin als naiv
dargestellt wurde. Dessen ungeachtet freut sie sich aber; schließlich
ist beinahe jede Presse gute Presse.
Wie erwartet kommen die meisten Schüler der Otto-Herz-Schule zum
Rathausplatz, um an der Zeugnisverbrennung teilzunehmen. Auch die
Passanten schauen interessiert zu. Einige finden "die Jugend von heute"
wie immer unmöglich und pöbeln rum; die meisten schauen dem Schauspiel
aber interessiert zu und diskutieren auch mit den Schülerinnen und
Schülern.
Die Journalistin von der Lokalzeitung ist auch wieder dabei und nach
einem Interview mit Julia steht sie der ganzen Aktion auch etwas
aufgeschlossener gegenüber.
Als die letzten Zeugnisse nur noch als Asche in der großen Tonne
dahinglimmen, sind die Schüler zwar etwas enttäuscht - schließlich hat
alles so viel Spaß gemacht - freuen sich aber bereits auf die nächste
Zeugnisverbrennung.
Broschüre SV-Tipps: Tipps und Tricks für die
SchülerInnenvertretung (November 2004, PDF 1,8 MB)