Das kann so nicht weitergehen, finden
DGB-Jugend und der Verein fairwork. Gemeinsam mit Politikern und
Betroffenen sollen Lösungen entwickelt werden. Bei der zweiten
Veranstaltung der Gesprächsreihe "Generation Praktikum" nahmen am 10.
November im Haus des DGB-Vorstands Florian Pronold (SPD) und Thea
Dückert von Bündnis 90/Die Grünen teil (siehe Foto, zur Vergrößerung
bitte auf Bild klicken). Und rund 80 junge Leute waren gekommen.
"Studiert, auslandserfahren, und trotzdem im unbezahlten Praktikum
gelandet" - so skizziert DGB-Vorstandsmitglied Ingrid Sehrbrock
eingangs den typischen nachakademischen Lebenslauf. "Das ist eine
Entwicklung im Gange, die man so nicht laufen lassen kann." Erste
Ergebnisse einer DGB-Studie haben gezeigt: Hier bahnt sich etwas an.
Denn un- oder schlecht bezahlte, als Praktikum getarnte Beschäftigung
breitet sich aus, in manchen Branchen ("Praktikum als Webdesigner in
Agentur, 6-12 Monate, Vorkenntnisse erwünscht") ist sie fast schon die
Regel.
"Die Konjunktur läuft schlecht, es gibt keine Einstellungen" - da gibt
es eben Druck auf die schwächsten Glieder in der Wertschöpfungskette,
so sieht es auch DGB-Bundesjugendsekretär Christian Kühbauch.
"Praktikanten sind Täter und Opfer zugleich" - weil sie sich auf die
Konkurrenzsituation hemmungslos einlassen. In der mangelnden
Solidarität sieht auch Pronold das Problem: "Bevor ich arbeitslos bin,
schieb ich lieber ein Praktikum." Aber heute arbeiteten die Leute
einfach nicht mehr zusammen, das mache Organisation so schwierig.
Schlechte Arbeitsbedingungen seien immer schon in Kauf genommen worden,
"um an bessere Futtertröge zu kommen". So sei er, der steinige Weg der
Arbeiterbewegung, "so lange es den Kapitalismus gibt".
Für gesetzliche Lösungen sieht der SPD-Mann dennoch keine
Notwendigkeit. "Es gibt die Möglichkeit, gegen unbezahlte Arbeit
vorzugehen, zu klagen. Doch die Leute tun es nicht! Was nützt eine
rechtliche Regelung, wenn sie nicht genutzt wird?" In dem Fall bleibt
das Gesetz also geduldig. "Viele trauen sich nicht", findet auch
Bettina Richter, die erfolgreich einen Praktikumsgeber vor dem
Arbeitsgericht verklagt hat. 1000 Euro musste er nachzahlen. Thea
Dückert sagt: Praktika gehören ins Studium. Und gibt weitere
Lebenstipps: "Man soll sich fragen: Wie sieht meine Zukunft aus?
Angenommen jemand weiß, was er will, dann sollte er kein Praktikum
machen, sondern ein Normalarbeitsverhältnis anstreben." Eine
gesetzliche Lösung, dass sei "Hmhm"; erstmal müssten die politischen
Punkte und Ziele formuliert werden. Das Stichwort Zertifizierung macht
die Runde. Denn auch die Arbeitgeber wüssten manchmal nicht, wo sie
dran wären mit ihren Praktikanten. Eine erste Selbstzertifizierung hat
es im "Handelsblatt" gegeben, aber mit reichlich willkürlichen
Kriterien.
Beide Politiker beklagen aber auch, dass es noch zu wenig konkrete
Information zum Thema gibt - und dass überall die Qualität der
Ausbildung leidet. Junge Leute sind zur Verschiebe- und Abdichtmasse in
Betrieben geworden "überall lässt man sie putzen", findet Pronold. Auch
der Mindestlohn scheint kein Allheilmittel zu sein. Da stehen
unterschiedliche Lohngefüge der Branchen entgegen. "Wie soll man da ein
Niveau finden?", fragt Dückert.
Dennoch werden sich die Diskutanten heute einig: Man will sich auf die
Suche - was ist überhaupt ein Praktikum? - nach der Definition eines
geregelten Verfahrens für den Ablauf eines Praktikums machen.
Vielleicht so wie es sie bei "Au pair"-Stellen schon gibt. Und so
finden die Politiker es auf weiteres gut, dass erste zarte Versuche der
Selbstorganisation wie beim Praktikanten-Geschädigten-Verein fairwork
blühen. Ansonsten weiß noch keiner, wie es weitergeht.
In der Diskussion mit dem Publikum bringt es einer auf den Punkt: "Gibt
es eigentlich keinen Rechtsanspruch auf Berufseinstieg, Arbeit und
gerechte Entlohnung?" Ein anderer Besucher sekundiert: "Es gibt kaum
noch Berufseinstiege." Zuhörer Nummer drei sagt: "In den Betrieben
sitzen ganze Legehennen von Praktikanten" - wie es denn um die
Perspektiven für einen Praktikantenstreik, wie es ihn schon in
Frankreich gegeben hätte, stünde.
Pronold, ganz alter Gewerkschaftsjugend-Haudegen: "Das Wichtigste ist:
Solidarisierung hinkriegen." Dückert: "Wir haben
Massenarbeitslosigkeit. Arbeitsplätze sind gesucht." Dass es irgendwann
ein einklagbares Recht auf ein vernünftiges Leben mit vernünftiger
Arbeit zu vernünftiger Entlohnung für eine große Zahl von
Berufseinsteigern - oder Menschen in Deutschland allgemein - geben
könnte, das möchte an diesem Abend bestimmt niemand in Aussicht
stellen.