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Podiumsdiskussion

Für immer Generation Praktikum?

(November 2005)

Eine Podiumsdiskussion der DGB-Jugend am 10. November 2005 in Berlin. Bericht von Jürgen Kiontke Sie heißen "Praktikanten", arbeiten aber voll im Unternehmen mit. Sie tun für den Berufseinstieg alles und landen dennoch nur in prekären Arbeitsverhältnissen. Immer mehr Absolventen stecken in "Praktikantenkarrieren" fest und schuften als Hochqualifizierte zum Nulltarif.


Das kann so nicht weitergehen, finden DGB-Jugend und der Verein fairwork. Gemeinsam mit Politikern und Betroffenen sollen Lösungen entwickelt werden. Bei der zweiten Veranstaltung der Gesprächsreihe "Generation Praktikum" nahmen am 10. November im Haus des DGB-Vorstands Florian Pronold (SPD) und Thea Dückert von Bündnis 90/Die Grünen teil (siehe Foto, zur Vergrößerung bitte auf Bild klicken). Und rund 80 junge Leute waren gekommen.

"Studiert, auslandserfahren, und trotzdem im unbezahlten Praktikum gelandet" - so skizziert DGB-Vorstandsmitglied Ingrid Sehrbrock eingangs den typischen nachakademischen Lebenslauf. "Das ist eine Entwicklung im Gange, die man so nicht laufen lassen kann." Erste Ergebnisse einer DGB-Studie haben gezeigt: Hier bahnt sich etwas an. Denn un- oder schlecht bezahlte, als Praktikum getarnte Beschäftigung breitet sich aus, in manchen Branchen ("Praktikum als Webdesigner in Agentur, 6-12 Monate, Vorkenntnisse erwünscht") ist sie fast schon die Regel.

"Die Konjunktur läuft schlecht, es gibt keine Einstellungen" - da gibt es eben Druck auf die schwächsten Glieder in der Wertschöpfungskette, so sieht es auch DGB-Bundesjugendsekretär Christian Kühbauch. "Praktikanten sind Täter und Opfer zugleich" - weil sie sich auf die Konkurrenzsituation hemmungslos einlassen. In der mangelnden Solidarität sieht auch Pronold das Problem: "Bevor ich arbeitslos bin, schieb ich lieber ein Praktikum." Aber heute arbeiteten die Leute einfach nicht mehr zusammen, das mache Organisation so schwierig. Schlechte Arbeitsbedingungen seien immer schon in Kauf genommen worden, "um an bessere Futtertröge zu kommen". So sei er, der steinige Weg der Arbeiterbewegung, "so lange es den Kapitalismus gibt".

Für gesetzliche Lösungen sieht der SPD-Mann dennoch keine Notwendigkeit. "Es gibt die Möglichkeit, gegen unbezahlte Arbeit vorzugehen, zu klagen. Doch die Leute tun es nicht! Was nützt eine rechtliche Regelung, wenn sie nicht genutzt wird?" In dem Fall bleibt das Gesetz also geduldig. "Viele trauen sich nicht", findet auch Bettina Richter, die erfolgreich einen Praktikumsgeber vor dem Arbeitsgericht verklagt hat. 1000 Euro musste er nachzahlen. Thea Dückert sagt: Praktika gehören ins Studium. Und gibt weitere Lebenstipps: "Man soll sich fragen: Wie sieht meine Zukunft aus? Angenommen jemand weiß, was er will, dann sollte er kein Praktikum machen, sondern ein Normalarbeitsverhältnis anstreben." Eine gesetzliche Lösung, dass sei "Hmhm"; erstmal müssten die politischen Punkte und Ziele formuliert werden. Das Stichwort Zertifizierung macht die Runde. Denn auch die Arbeitgeber wüssten manchmal nicht, wo sie dran wären mit ihren Praktikanten. Eine erste Selbstzertifizierung hat es im "Handelsblatt" gegeben, aber mit reichlich willkürlichen Kriterien.

Beide Politiker beklagen aber auch, dass es noch zu wenig konkrete Information zum Thema gibt - und dass überall die Qualität der Ausbildung leidet. Junge Leute sind zur Verschiebe- und Abdichtmasse in Betrieben geworden "überall lässt man sie putzen", findet Pronold. Auch der Mindestlohn scheint kein Allheilmittel zu sein. Da stehen unterschiedliche Lohngefüge der Branchen entgegen. "Wie soll man da ein Niveau finden?", fragt Dückert.

Dennoch werden sich die Diskutanten heute einig: Man will sich auf die Suche - was ist überhaupt ein Praktikum? - nach der Definition eines geregelten Verfahrens für den Ablauf eines Praktikums machen. Vielleicht so wie es sie bei "Au pair"-Stellen schon gibt. Und so finden die Politiker es auf weiteres gut, dass erste zarte Versuche der Selbstorganisation wie beim Praktikanten-Geschädigten-Verein fairwork blühen. Ansonsten weiß noch keiner, wie es weitergeht.

In der Diskussion mit dem Publikum bringt es einer auf den Punkt: "Gibt es eigentlich keinen Rechtsanspruch auf Berufseinstieg, Arbeit und gerechte Entlohnung?" Ein anderer Besucher sekundiert: "Es gibt kaum noch Berufseinstiege." Zuhörer Nummer drei sagt: "In den Betrieben sitzen ganze Legehennen von Praktikanten" - wie es denn um die Perspektiven für einen Praktikantenstreik, wie es ihn schon in Frankreich gegeben hätte, stünde.

Pronold, ganz alter Gewerkschaftsjugend-Haudegen: "Das Wichtigste ist: Solidarisierung hinkriegen." Dückert: "Wir haben Massenarbeitslosigkeit. Arbeitsplätze sind gesucht." Dass es irgendwann ein einklagbares Recht auf ein vernünftiges Leben mit vernünftiger Arbeit zu vernünftiger Entlohnung für eine große Zahl von Berufseinsteigern - oder Menschen in Deutschland allgemein - geben könnte, das möchte an diesem Abend bestimmt niemand in Aussicht stellen.