»Gute
Arbeit« heißt: Gesundheitsschutz. In Südafrika findet die Bekämpfung
der Immunschwächekrankheit HIV/Aids oft in den Firmen statt.
Das Testergebnis war für Moses Khumalo ein Schock. »Eine böse
Überraschung«, schüttelt der 50-Jährige den Kopf. Er erinnert sich noch
zu gut an den Tag im Jahre 2002, als er sich zu einem Aidstest
durchgerungen hatte. Schon einige Zeit zuvor fühlte er sich schwach,
verlor an Gewicht und konnte kaum die wenigen Treppen zu seinem Büro in
dem glitzernden, diamantenförmigen Wolkenkratzer in der Johannesburger
Innenstadt hinaufsteigen. Er wusste, dass etwas nicht stimmt. Die
Test-Diagnose »HIV-positiv« sei hart gewesen, sagt Khumalo.
Zuhause, im Township Soweto, fürchtete er sich zunächst vor Stigma und
Geschwätz. Aber am Arbeitsplatz fühlte er sich sicher, hat sogar seinen
Vorgesetzten und Mitarbeitern von seinem Zustand erzählt. Khumalo
arbeitet in der Verwaltung bei AngloGold Ashanti, weltweit zweitgrößter
Goldproduzent mit 21 Unternehmen in zehn Ländern auf vier Kontinenten.
In Südafrika unterhält die Firma sieben Bergbauminen und drei Betriebe
über Tage mit insgesamt 31.000 Mitarbeitern. Zu jeder Goldmine gehört
auch eine Klinik. Dort erhalten Angestellte freiwillig Aids-Tests,
Beratung und Anti-Aids-Medikamente.
»Soziale Verantwortung« steht für viele einheimische und internationale
Firmen in Südafrika inzwischen im Mittelpunkt ihrer Kampagnen gegen die
Aids-Epidemie, denn geschätzte 15 Prozent der südafrikanischen
Arbeitskräfte sind mit dem tödlichen Virus infiziert, hinzu kommen
täglich 1.700 neue Ansteckungen. Die meisten der Betroffenen sind im
produktivsten Alter – zwischen 20 und 45 Jahre. Wenn sie alle ausfallen
würden, wäre das ein beträchtlicher Schaden für die Unternehmen und die
ganze Volkswirtschaft.
AngloGold begann mit seinen Aufklärungskampagnen bereits in den
neunziger Jahren, als es in Südafrika noch keinen Zugang zu
Aidsmedikamenten gab. Der Schwerpunkt lag auf freiwilligen, anonymen
Tests nach dem Motto »Know your status«. Die Infektionsraten haben sich
durch stärkere Teilnahme an den Tests über die Jahre erhöht. »Die
ersten Tests in 2001 ergaben eine Rate von drei Prozent«, sagt James
Steele, zuständiger Arzt in der Johannesburger Firmen-Klinik im
Hauptsitz von AngloGold Ashanti. »Aber 2005 waren es 32 Prozent aller
Arbeitnehmer, also etwa 10.000 Menschen, von denen wir wissen, dass sie
den Virus tragen.« In den betriebseigenen Kliniken wissen 4.600
Arbeitnehmer, dass sie infiziert sind, davon nehmen 1.500 die
Medikamente.
Auch Khumalo braucht inzwischen eine Anti-Aids-Therapie, die sein
Immunsystem stärken soll. Sein »Virusanteil« im Blut hatte die hohe
Zahl von über 150.000 Einheiten gestiegen, sagt James Steele. Das sind
Immunzellen, die Krankheiten abwehren und bei gesunden Menschen
zwischen 450 und 1.200 liegen. Doch Moses ist wieder fit, sein
Virusanteil ist kaum messbar, nur sechs Wochen nach Einnahme der
Medikamente, die AngloGold privat einkauft und für Angestellte umsonst
bereithält.
Das hat ihn auch dazu bewogen, der Familie von seiner Krankheit zu
erzählen. »Es kommt wirklich auf die Haltung jedes einzelnen an. Wenn
sie sich abwenden, kann es einen zerstören. Und ich war so ärgerlich,
dass ich den Virus habe, und dachte, mich selbst zu heilen, ist
unmöglich.« Seine Frau allerdings weigert sich aus Angst immer noch,
einen Aids-Test zu machen.
Aber Khumalo hat gelernt, dass er auf sich achten und seine Ernährung
umstellen muss. »Jetzt kaufe ich bei den Straßenhändlern hier draußen
mehr Obst für die Pausen, das ist billig, und esse öfter kleine
Mahlzeiten.« James Steele, sein Arzt, nickt. Das beliebte
südafrikanische Gericht »Pap and Vleis« (Maisbrei und Fleisch) könne er
weiterhin essen, müsse es aber mit mehr Gemüse und Obst ausgleichen.
»Je mehr die Arbeitnehmer sehen, dass sie von den Tests und
Behandlungen profitieren, desto weniger Stigma gibt es am
Arbeitsplatz«, beschreibt Steele einen zunehmenden Trend in
südafrikanischen Firmen. HIV/Aids ist keinesfalls nur eine Krankheit
der Armen, es betrifft alle Hautfarben – und in höheren
Einkommensgruppen verzeichnen neueste Untersuchungen sogar steigende
Infektionsraten. »Verhaltensänderung ist schwer zu messen«, gibt Steele
zu. Aber indirekt könnten Schlüsse gezogen werden, wenn immer mehr
Angestellte sich an Tests beteiligen, der Kondomgebrauch steigt und
mehr Freiwillige bei Aufklärungskampagnen mitmachen. AngloGold Ashanti
arbeitet mit »peer educators«, freiwilligen Arbeitnehmern, die
trainiert werden und in Workshops am Arbeitsplatz über
Ansteckungsgefahren und insbesondere »Safe Sex« aufklären, aber auch in
die Gemeinden der Minenarbeiter und Angestellten gehen.
Das AngloGold-Programm zeigt, dass »der Kampf gegen HIV/Aids ganz klar
im Interesse sowohl der Arbeitnehmer als auch der Arbeitgeber liegt«,
wie Sabine Beckmann vom ILO-Programm über HIV/Aids in der Arbeitswelt
erklärt. Allerdings gibt es auch sehr viele Infizierte, die bislang
nicht profitieren. Deshalb hat die ILO einen Leitfaden herausgebracht,
den es seit letzten Herbst auch auf Deutsch gibt. Er soll einen Beitrag
zur Bekämpfung der Epidemie und zur besseren Betreuung und Versorgung
der Betroffenen leisten und gibt konkrete Richtlinien jeweils für
Arbeitgeber und Gewerkschaften sowie Tipps für Betriebsstrategien zu
HIV/Aids. Beckmann: »Zwei von drei Menschen mit HIV/Aids gehen jeden
Tag zur Arbeit. Das macht den Arbeitsplatz zu einem entscheidenden
Ansatzpunkt für Maßnahmen gegen HIV/Aids.«
Khumalo kann wieder voll arbeiten und geht mit positiver Einstellung
zum Leben in sein Büro: »Ich denke gar nicht, dass ich Aids habe, ich
nehme einfach nur meine Pillen.«
(aus der Soli extra "G8/'Gute Arbeit'", Frühjahr 2007, Autor: Martina Schwikowski, Journalistin in Johannesburg/ Südafrika)