»Gute Arbeit« heißt: Gleichberechtigung. Indien: Aufstieg einer Frauengewerkschaft.
Arbeit, die menschenwürdig ist – das ist in Indien ein besonderes
Thema. Viele Aspekte der informellen Wirtschaft Indiens – das sind die
Bereiche, in denen nichts schriftlich abgemacht wird, schlechte
Bezahlung dominiert, es keine Regeln über Arbeitszeiten und Sicherheit
gibt und wo die Arbeiten von den Ärmsten ausgeführt werden – fallen
sogar gegenüber vergleichbaren Sektoren anderer Nationen auf: In Indien
ist der informelle Bereich sehr groß und spielt eine entsprechend
wichtige Rolle in der Ökonomie insgesamt. Das wird auch zunehmend in
offiziellen Statistiken und in der Politik sichtbar.
In Indien arbeiten ca. 93 Prozent der Beschäftigten ohne Arbeitsvertrag
und ohne jegliche soziale Absicherung. Krankheit, Unfall und Tod reißen
die Familien oft in schwere Notlagen. Es ist kein Wunder, dass in
Indien die weltweit größte Gewerkschaft informeller Arbeiterinnen ihren
Ursprung hat: SEWA – Self-Employed Women’s Association.
Die Gewerkschaft SEWA organisiert ausschließlich Frauen aus dem so
genannten informellen Sektor: z.B. Bauarbeiterinnen,
Straßenhändlerinnen und Zigarettendreherinnen. Sie sind
»self-employed«, d.h. sie arbeiten selbstständig. SEWA verhandelt mit
Arbeitgebern, um wenigstens den Mindestlohn durchzusetzen. Mitglieder
können sich bei SEWA für Krankheit, Unfall und Alter absichern. Weitere
Aktivitäten umfassen Rechts- und Prozesshilfe und die Bereitstellung
von Finanzierungsmöglichkeiten: Zur Zeit bieten etwa 530 Spar- und
Kreditgruppen, die unter dem Dach von SEWA arbeiten, ländlichen
Mitgliedern Zugang zu Spar- und Kreditmöglichkeiten.
Hilfe gibt es auch bei Ausbildung, Gesundheit, und Wohnungsbau. Und:
SEWA qualifiziert die Mitglieder – meist Analphabetinnen – persönlich,
beruflich und für die Gewerkschaftsarbeit.
SEWA wurde 1971 in Gujarat gegründet – und ist seitdem eine als
Gewerkschaft anerkannte Organisation von armen, selbstständig
arbeitenden Frauen in Indien. Heute hat SEWA etwa 700.000 Mitglieder im
ganzen Land. Zielsetzung ist die ganzheitliche Entwicklung der
Mitglieder, insbesondere die Stärkung ihrer wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Stellung, d.h. Beschäftigung und wirtschaftliche
Unabhängigkeit der Frauen.
Das Konzept von SEWA wurzelt nicht von ungefähr in der Philosophie
Mahatma Ghandis, die die Selbstachtung und Würde in den Vordergrund
stellt: Denn Ghandi sah in den Frauen Schlüsselfiguren des
gesellschaftlichen Wandels. SEWA kämpft für ihre politischen Ziele als
moderne, mitgliedernahe Organisation: kasten- und
religionsübergreifend.
2005 bekam SEWA Besuch von der stellvertretenden DGB-Vorsitzenden
Ingrid Sehrbrock – die einen Studienaufenthalt bei von der SEWA
organisierten Bauarbeiterinnen in Achmedabad absolvierte. Der DGB
unterstützt SEWA in ihrem Anliegen, IGB-Mitglied zu werden.
Sehrbrock: »Diese Gewerkschaft ist sehr nah an den Mitgliedern: Ihr
Angebot umfasst neben der Mitgliederqualifizierung und Organisation des
informellen Sektors – hierzulande würde man von prekärer Beschäftigung
sprechen – Versicherungen und Kleinkredite.«
Mittlerweile sehen sich angesichts des Ausmaßes die großen indischen
Gewerkschaften genötigt, ebenfalls den informellen Sektor zu
organisieren.
(aus der Soli extra "G8/'Gute Arbeit'", Frühjahr 2007, Autor: Soli aktuell)