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Hoffnung für Gewerkschafter


»Gute Arbeit« heißt: Vereinigungsfreiheit. Inmitten von Krieg und Sozialabbau eröffnet die ILO ein neues Büro in Bogotá.

In Kolumbien werden jedes Jahr mehr Gewerkschafter ermordet als in der restlichen Welt«, sagt Marcelo Castro Fox. Der erfahrene UNO-Funktionär leitet seit Januar 2007 das Büro der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Bogotá. »Die Eröffnung unseres Büros ist ein Hoffnungszeichen für die hiesigen Gewerkschaften«, meint der Argentinier. Regierung, Unternehmer und Gewerkschaften hatten sich im Juli 2006 gemeinsam an die ILO gewandt.

Dass es überhaupt zu dieser gemeinsamen Aktion kam, obwohl sich die Regierung noch Monate zuvor heftig dagegen gewehrt hatte, hängt ausgerechnet mit der Unterzeichnung eines Freihandelsabkommens mit den USA zusammen. »Die Regierung hat schließlich eingelenkt, um im Gegenzug die Zustimmung der demokratischen Abgeordneten im US-Kongress zu bekommen«, berichtet Fabio Arias, stellvertretender Vorsitzender des kolumbianischen Gewerkschaftsdachverbandes CUT. Die Demokraten, die den US-amerikanischen Gewerkschaften näherstehen, sehen die neoliberalen Freihandelsabkommen zwischen den USA und Ländern des Südens traditionell skeptischer.

Arias beklagt aber auch, dass sich die Regierung des rechten Präsidenten Álvaro Uribe gegenüber dem neuen ILO-Büro nicht sehr kooperativ zeige. »Anstatt das Großprojekt zur Gewerkschaftsfreiheit zu unterstützen, möchte sie lieber Gelder für die Wiedereingliederung ehemaliger Paramilitärs in die Gesellschaft bereitstellen.«

Der über 40-jährige Mehrfrontenkrieg in Kolumbien erklärt auch die besonders kritische Lage, in der sich die kolumbianischen GewerkschafterInnen befinden. Seit Mitte der achtziger Jahre wurden rund 4.000 ermordet.

In den letzten Jahren ist die Gewalt selektiver geworden. »Doch allein 2006 wurden noch 78 unserer Kollegen ermordet und etwa 300 bedroht«, sagt Fabio Arias. Im Vorjahr waren es 70, davon 44 aus dem Bildungsbereich. Die meisten Morde gehen auf das Konto der rechtsextremen Paramilitärs, die oft mit den Polizei- oder Militäreinheiten zusammenarbeiten. Aber auch die mächtige FARC-Guerilla ist bisweilen nicht gut auf Aktivisten zu sprechen, vor allem, wenn sie sich für eine Stärkung der zivilen Akteure im bewaffneten Konflikt einsetzen.

Fast nie werden die Mörder überführt oder gar verurteilt. Nur 376 der über 4.000 Morde zwischen 1986 und 2002 kamen vor die Justiz, in gerade fünf Fällen wurden die Täter verurteilt. »Gewerkschaftsfreiheit kann nur ausgeübt werden, wenn die Grundrechte, besonders das auf Leben und persönliche Sicherheit, voll respektiert und garantiert werden«, stellt die ILO fest.

Darüber hinaus wird die Bildung und die Handlungsfreiheit von Gewerkschaften in Kolumbien durch Gesetze empfindlich eingeschränkt. Die seit 1990 gezielt vorangetriebene Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse ist ebenfalls gewerkschaftsfeindlich. Regierungs- und Justizbehörden ergreifen meist Partei für die Unternehmer, wiederholt wurde das Streikrecht eingeschränkt. 2004 waren gerade 1,2 Prozent aller kolumbianischen ArbeiterInnen durch ein Tarifabkommen abgesichert, nicht einmal jeder zwanzigste Arbeiter ist gewerkschaftlich organisiert.

Besonders gefährlich leben GewerkschafterInnen in Nordkolumbien, wo die Paramilitärs zahlreiche staatliche Institutionen unterwandert haben. Dort wurden auch Aktivisten mehrerer Coca-Cola-Abfüllfabriken ermordet. Es zirkulieren Todeslisten von Aktivisten, die sich öffentlich gegen die Paramilitarisierung der Gesellschaft wehren.

Einer von ihnen ist Domingo Tovar Arrieta, der Leiter der CUT-Menschenrechtsabteilung in Corozal. Nicht nur er, sondern auch seine Mutter hat Morddrohungen auf offener Straße erhalten. Seit 2003 wurde Tovar Arrieta immer wieder bedroht, monatelang wurde er fast täglich von Unbekannten in Fahrzeugen ohne Nummernschilder beobachtet und verfolgt. Mittlerweile ist er einer von acht Gewerkschaftern, denen die Regierung Leibwächter zur Verfügung gestellt hat.

»Es herrscht ein Klima der Angst«, berichtet CUT-Vizepräsident Fabio Arias. »Und die neoliberale Regierung Uribe treibt den Sozialabbau voran.« Nach dem Vorbild Chiles wolle sie das öffentliche Institut der Sozialversicherung abschaffen, über das drei Millionen Arbeiter versichert sind. »5.600 Angestellte würden ihre Arbeit verlieren.«

Internationale Beobachter wie Marcelo Castro Fox vom ILO-Büro können dazu beitragen, dass die Einschränkungen der Gewerkschaftsfreiheit in Einzelfällen zurückgehen. Ein Fünf-Millionen-Dollar-Projekt zu diesem Thema, das die Regierung mitfinanziert, weist in diese Richtung. Doch die Erfahrung der anderen UNO-Büros in Bogotá zeigt auch, dass diese weitgehend machtlos sind, so lange der Krieg anhält. Ihre kritischen Berichte über die Menschenrechtslage haben letztlich nicht verhindert, dass die kolumbianischen Regierungen den offenen oder – im Falle der EU – eher diskreten Rückhalt des Westens behalten haben.

»Es muss vor allem Druck auf Uribe und die USA ausgeübt werden«, sagt Arias. Erst mit einem Ende des Krieges könnte sich auch in Kolumbien die Chance für eine soziale Wende wie in anderen Ländern Südamerikas eröffnen.

www.solidaritycenter.org


(aus der Soli extra "G8/'Gute Arbeit'", Frühjahr 2007, Autor: Gerhard Dilger, Journalist in Porto Alegre/Brasilien)