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Handelsware Mensch


»Gute Arbeit« heißt: Kampf gegen Zwangsarbeit. Europa als Markt für illegale Beschäftigung.

Die UN-Sonderorganisation für internationale Arbeitsorganisation (ILO) definiert Zwangsarbeit als »jede Art von Arbeit oder Dienstleistung, die von einer Person unter Androhung irgendeiner Strafe verlangt wird und für die sie sich nicht freiwillig zur Verfügung gestellt hat«.

Untersuchungen der Organisation zufolge sind Zwangsarbeitsverhältnisse in Deutschland etwa im Sexgewerbe, bei Haushaltsdienstleistungen, in der Landwirtschaft, in der Gastronomie und bei Produktionsarbeiten in sweat shops verbreitet.

Allerdings geht die ILO davon aus, dass es in allen Wirtschaftszweigen mit illegaler Beschäftigung von ausländischen Arbeitnehmern einen gewissen Anteil Zwangsarbeit gibt. Genaue Zahlen liegen wegen des im illegalen Bereich angesiedelten Vorgehens nicht vor. In Deutschland engagieren sich u.a. die Gewerkschaften NGG und IG BAU gegen Zwangsarbeit, etwa bei Gastronomie und Gebäudereinigung.

Zwangsarbeit bedeutet aber nicht unbedingt, dass die ArbeitnehmerInnen bereits illegal eingereist sind oder verschleppt wurden. Viele werden mit falschen Versprechungen, versehen mit Touristenvisa oder anderen Reisedokumenten, nach Deutschland gelockt, wo sie arbeitsintensive, erniedrigende oder gefährliche Arbeiten verrichten müssen. Oftmals werden sie zudem sehr schlecht oder im schlimmsten Falle gar nicht bezahlt.

Die extremste Form der Zwangsarbeit geht einher mit Menschenhandel und findet unter sklavereiähnlichen Bedingungen statt. 80 bis 90 Prozent derjenigen, die darunter zu leiden haben, sind Frauen. Frauenhandel beschränkt sich aber nicht nur auf den Bereich der Prostitution. Daneben existieren sklavereiähnliche Praktiken auch in Zwangsehen oder in privaten Haushalten, wo Frauen als Pflegerinnen und Putzkräfte ohne irgendwelche Rechte arbeiten müssen. Für die meisten bedeutet eine Befreiung aus ihrer Zwangslage eine Abschiebung in ihre Heimat. Dort geraten viele erneut in den Teufelskreis von Armut, fehlender Ausbildung und vorgeblich verlockender Angebote aus dem Westen.

Diese Frauen, die vor allem aus Nicht-EU-Staaten kommen, sind in Deutschland rechtlich nur sehr unzureichend geschützt, obwohl die Nutznießer ihrer Ausbeutung oftmals Deutsche sind. Zwar können sie, wenn sie sich bereiterklären, in einem Prozess gegen ihre Peiniger auszusagen, mit einer Duldung über drei bis vier Monate, maximal einem Jahr, rechnen. Danach werden sie aber ohne Verzögerung abgeschoben.

»Während der Zeit des Wartens auf ihre Abschiebung dürfen die Frauen in Deutschland nichts tun. Dabei wäre es sehr hilfreich für sie, wenn sie eine Ausbildung absolvieren könnten. Eine Ausbildung im Westen gilt in den meisten Ländern immer noch sehr viel«, sagt die Sozialarbeiterin Eva Gerschewski, die bei ONA in Berlin arbeitet. Der Verein unterstützt Frauen aus Mittel- und Osteuropa, die Gewalt in der Migration erfahren haben und von Frauenhandel betroffen sind.

Viele der Frauen, die ONA betreut, wollen zurück in ihre Heimat. Dort leben ihre Verwandten, Freunde und oft auch ihre Kinder, für deren Zukunft das erarbeitete Geld häufig verwendet werden soll. »Nur ganz junge Frauen ohne Kinder erhoffen sich im Westen eine Lebensperspektive. Die Frauen fahren nach Deutschland, obwohl sie davon gehört haben, dass dies die Gefahr mit sich bringt, in einem Zwangsarbeitsverhältnis zu landen. Aber sie nehmen dieses Risiko auf sich«, sagt Gerschewski.

Zu ähnlichen Schlüssen kommt auch La Strada, eine internationale Organisation, die u.a. gegen Frauen- und Menschenhandel in Tschechien tätig ist. In einer Studie zu dem Thema, die im vergangenen Jahr erschienen ist, beschreibt die Organisation einen bezeichnenden Paradigmenwechsel: Während Anfang der neunziger Jahre noch viele Tschechinnen und Tschechen Opfer von Frauen- bzw. Menschenhandel wurden, ist das Land mit dem wirtschaftlichen Aufschwung inzwischen selbst Zielland, in das Menschen aus dem Ausland gebracht werden. Die Menschen – meistens handelt es sich um Frauen, die in Tschechien unter Zwangsarbeit zu leiden haben – kommen mehrheitlich aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion und aus Zentral- und Südostasien.

Die Motivation, ihre Heimat zu verlassen war bei nahezu allen, die von La Strada befragt wurden, identisch: Sie wollten mit dem erarbeiteten Geld ihre Familien zu Hause unterstützen. Meistens handelte es sich allerdings um andere Arbeiten, als ihnen in der Heimat angeboten worden waren, oder um unzumutbare Arbeitsverhältnisse. Körperliche Gewalt spielt nach Aussagen der Befragten oft eine Rolle, wenn die Menschen gezwungen werden, diese Arbeiten zu verrichten. Frauen sprechen von Vergewaltigungen bereits auf der Reise nach Tschechien. Viele werden auch psychisch unter Druck gesetzt oder sie müssen Schulden abarbeiten, die ihnen für die Reise, Unterkunft usw. auferlegt wurden.

Den Autoren der La Strada-Studie zufolge leistet der unsichere Aufenthaltsstatus vieler MigrantInnen deren Ausbeutung zwingend Vorschub, da sie deshalb nicht in der Lage seien, ihre Rechte wahrzunehmen. Erschwerend komme hinzu, dass der Fokus der Öffentlichkeit vor allem darauf gerichtet ist, diese Menschen wegen Verletzung der Migrationsgesetze zu bestrafen anstatt sie zu schützen.

Infos: ONA e.V., Arbeitsgemeinschaft zur Wahrung der Interessen von Frauen aus Mittel- und Osteuropa, Oranienstraße 34, 10999 Berlin, E-Mail: ona-berlin@web.de, www.ona-berlin.de



(aus der Soli extra "G8/'Gute Arbeit'", Frühjahr 2007, Autor: Kerstin Eschrich)