Sicher
und fair bezahlt: »Gute Arbeit« braucht vor allem: klar definierte
Mindestanforderungen. Interview mit René Rudolf,
DGB-Bundesjugendsekretär
Soli aktuell: René, was bedeutet »Decent Work« – »Gute Arbeit« – für den Bereich der Jugend?
René Rudolf: Eine Arbeit oder Ausbildung in Würde bedeutet faire
Bezahlung, die Möglichkeit der Mitbestimmung, Selbstentfaltung und
soziale Sicherheit. Jugendliche haben ein Recht auf vernünftige
Arbeits- und Ausbildungsbedingungen – nur weil sie jung sind, müssen
sie nicht flexibler und leistungsfähiger sein und dazu noch schlechter
bezahlt werden.
»Gute Arbeit« bedeutet also: unwürdige Arbeit abzuwehren. Welche Mindeststandards fordern die Gewerkschaften?
Eine Grundbedingung ist eine Vergütung bzw. Bezahlung, mit der sich ein
eigenes Leben finanzieren lässt. Und: Unbezahlte lange Praktika werden
die Regel – hier hat die DGB-Jugend konkrete Vorschläge: 300 Euro pro
Monat Gehalt, Begrenzung auf drei Monate. Darüber hinaus brauchen wir
den gesetzlichen Mindestlohn – die Garantie für ein Mindestmaß an
Bezahlung junger Leute.
Qualifizierte Ausbildungsmöglichkeiten für alle Jugendlichen stehen an
oberster Stelle. Das ist die Grundlage überhaupt. Dabei müssen wir zur
Kenntnis nehmen, das nur noch weniger als 50 Prozent der BewerberInnen
eine betriebliche Ausbildung im dualen System machen können. Die
anderen dürfen wir aber nicht aus den Augen verlieren. Anlern- oder
Kurzausbildungen sind definitiv nicht die Grundlage für ein erfülltes
Arbeitsleben. Sichere, fair bezahlte Beschäftigung,
Mitbestimmungsrechte, unbefristete und gleich bezahlte Neueinstellungen
sind unsere Bedingungen.
Welche Strategien sind gefragt?
Die Zusammenarbeit mit unseren Jugend- und Auszubildendenvertretungen
in den Betrieben müssen wir noch verbessern. Mit ihnen können wir
gemeinsame Strategien und Konzepte zur Verbesserung der
Ausbildungsqualität und -bedingungen entwickeln und umsetzen. Die
Belange der Jugendlichen müssen auch bei den Tarifverhandlungen mehr in
den Vordergrund rücken. Wichtig ist, dies mit den Jugendlichen
gemeinsam zu tun, sie in die Lage zu versetzen, sich selbst für eigene
Belange einzubringen. Und, wie gesagt, es braucht geeignete Strukturen
und Möglichkeiten zur Ansprache von Jugendlichen, die sich nicht in
einer betrieblichen Ausbildung befinden.
Was heißt das für gewerkschaftliche Bildungspolitik?
Wir müssen klar machen, dass »Gute Arbeit« und gute
Ausbildungsbedingungen selbstverständlich sein müssen.
Gewerkschaftliche Bildung heißt aber nicht nur klassische Seminare. Wir
müssen die Jugendlichen in ihren sozialen und beruflichen
Zusammenhängen ansprechen und abholen: Die DGB-Jugend tut dies mit
ihren Projekten »Dr. Azubi«, »Students at work« und dem Projekttag
Demokratie und Mitbestimmung.
Welche Bündnispartner siehst du?
Soziale Bündnisse mit NGOs und Partnern auf nationaler und
internationaler Ebene sind möglich. Am wichtigsten aber ist: das
Bündnis mit uns selbst – vor allem müssen wir uns als
Gewerkschaftsjugend gemeinsam optimal aufstellen.
René Rudolf ist DGB-Bundesjugendsekretär.