Top

Globalisierungskritik Chronik


Von Seatle 1999 bis Heiligendamm 2007

Seattle

Die ersten Massendemonstrationen der globalisierungskritischen Bewegung mit mehr als 50.000 Teilnehmern finden vom 30. November bis 3. Dezember 1999 im US-amerikanischen Seattle statt. Die Proteste richten sich gegen die dort tagende Welthandelsorganisation WTO, ihre Liberalisierungspolitik, aber auch ihre Struktur.

Seattle gilt als Beginn der neuen Bewegung. Doch es gab einen Vorlauf: Im Dezember 1997 ruft der Redaktionsleiter der »Le Monde Diplomatique«, Ignacio Ramonet, zur Gründung einer weltweiten Bürgerbewegung auf, die eine Devisenspekulationssteuer durchsetzen soll. Kurze Zeit später wird in Frankreich das globalisierungskritische Netzwerk Attac gegründet.


Prag

Zur Jahrestagung 2000 von IWF und Weltbank am 26. und 27. September will die tschechische Hauptstadt zeigen, dass sie von Seattle gelernt hat. Die Stadt gleicht einer Festung. Etwa 10.000 Menschen, die für eine andere Armutsbekämpfungspolitik demonstrieren wollen, haben kaum Chancen, zum Kongresszentrum durchzudringen.
Porto Alegre, Mumbai, Nairobi

In der südbrasilianischen Modellstadt Porto Alegre, in der die Bevölkerung über die Verwendung der kommunalen Gelder mitbestimmt, diskutieren vom 25. bis 30. Januar 2001 rund 10.000 Menschen auf dem ersten Weltsozialforum (WSF) über Schuldenerlass und die »Abschaffung der inoffiziellen Weltregierung aus IWF und Weltbank«. Das WSF wird zur festen Einrichtung. Parallel zu den Weltwirtschaftsforen, einem informellen Treffen von Wirtschaftsgrößen mit der Politik und internationaler Prominenz, findet es nun jährlich statt. Zunächst immer in Porto Alegre; ab 2005 wechselt es seine Schauplätze, um mehr sozialen Gruppierungen die Teilnahme zu erleichtern und zugleich andere inhaltliche Schwerpunkte zu setzen, und kommt nur noch alle zwei Jahre nach Brasilien.

2005 findet das WSF in Mumbai, Indien, statt. Hier stehen nun auch religiöse und ethnische Konflikte auf der Tagesordnung. Die Bewegung spaltet sich vorübergehend: Eine Gruppe will sich dem Verdikt des Gewaltverzichts nicht beugen. Sie fordert radikalere Protestformen.
2007 treffen sich die Globalisierungskritiker zum ersten Mal auf dem afrikanischen Kontinent, in Nairobi, Kenia.


Göteborg

Der EU-Gipfel in Schweden am 15./16. Juni 2001, zu dem auch US-Präsident George W. Bush geladen war, ist abermals von Demonstrationen begleitet: Über 20.000 Menschen versammeln sich, um gegen die US-Klimapolitik, aber auch für eine sozialverträgliche Umsetzung der EU-Osterweiterung zu demonstrieren. Bei Ausschreitungen schießt die Polizei scharf und nimmt rund 570 Menschen fest. Etliche werden angeklagt, einige zu Haftstrafen verurteilt. In Skandinavien schädigen die Tumulte das Image der Globalisierungskritiker nachhaltig.


Genua

Einen vorläufigen Höhepunkt erreicht die Protestbewegung im italienischen Genua: Zum Treffen der G7-Staaten (USA, Kanada, Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien und Japan; Russland hat Beobachterstatus) vom 20. bis 22. Juli 2001 versammeln sich bis zu 200.000 Menschen, obwohl die italienischen Behörden Bahnhöfe sperren und falsche Informationen über vermeintlich ausgebuchte Züge verbreiten. Italiens Regierungschef und Medienzar Silvio Berlusconi verwandelt die Stadt in eine Festung. Es kommt zum Aufruhr. Ein Demonstrant wird von Karabinieri angeschossen und überfahren.


New York, Washington

Als am 11. September 2001 drei Flugzeuge in das World Trade Center und das Pentagon krachen und die USA den »Krieg gegen den Terror« ausrufen, erklären bürgerliche Medien die globalisierungskritische Bewegung für tot.
Florenz

Das erste Europäische Sozialforum vom 6. bis 10. November 2002 hat 40.000 TeilnehmerInnen. Die sozialen Bewegungen beschließen eine europaweite Kampagne gegen GATS. Auf einer Großdemonstration protestieren rund 50.000 Menschen gegen Krieg und ein neoliberales Europa. Attac Deutschland initiiert gemeinsam mit Schweizer Organisationen die Gründung des Tax Justice Network, das heute in über 20 Ländern präsent ist. Auch das ESF etabliert sich und findet nun regelmäßig statt.


Cancun

Die WTO-Ministerkonferenz vom 5. bis 14. September 2003 sollte eigentlich die Welthandelsrunde von Doha zu Ende bringen, sprich: den freien Welthandel vorantreiben. Die Konferenz scheitert aber, weil sich die Länder des Südens nicht über den Tisch ziehen lassen wollen – und erstmals auch gemeinsam handeln. Rund 20.000 KritikerInnen waren angereist, um ihren Forderungen Ausdruck zu verleihen, darunter zahlreiche Gruppen von mexikanischen Bauern, die gegen die Patentpolitik der WTO protestieren.


Berlin, Köln, Stuttgart, Rom, Paris

Rund eine Million Menschen in Deutschland, Frankreich und Italien beteiligen sich am 3. April 2004 an europaweiten dezentralen Kundgebungen gegen die europäische und nationale Sozialabbaupolitik. Aufgerufen haben neben den Gewerkschaften auch globalisierungskritische Gruppen, die zeigen wollen, dass Privatisierung und Sozialabbau in Europa auch zu den Folgen neoliberaler Globalisierung gehören.


Gleneagles

Der G 8-Gipfel im schottischen Gleneagles vom 6. bis 8. Juli 2005 soll nach dem Willen von Gastgeber Tony Blair, dem britischen Premier, ein Hilfsprogramm für Afrika beschließen. Dabei geht es vor allem um Schuldenerlass für die ärmsten Länder. Das Konzept geht KritikerInnen nicht weit genug. Sie treffen sich parallel zum Gegengipfel im schottischen Edinburgh, von wo aus Blockadeaktionen vor dem Marinestützpunkt, Proteste vor der Ölraffinerie und um den Tagungsort organisiert werden.
Eine Reihe terroristischer Anschläge am 7. Juli 2005 in London überschatten den Gipfel.


St. Petersburg

Vom 16. bis 18. August 2006 findet im russischen St.Petersburg der G 8-Gipfel statt. Dort sollen vor allem die Voraussetzungen geschaffen werden, die Verhandlungen zur Welthandelsrunde wieder aufzunehmen. Aufgrund der restriktiven russischen Sicherheitsmaßnahmen kommen nur rund 1.400 TeilnehmerInnen zum Gegengipfel. Bei Protesten, an denen mehr Menschen teilnehmen, werden fast 600 festgenommen, von denen ein Großteil wegen »Fluchens in der Öffentlichkeit oder Grobheit gegenüber Polizisten« zu mehrtägigen Gefängnisstrafen verurteilt wird.


Heiligendamm

Vom 6. bis 8. Juni 2007 kommen die G 8 zu ihrem jährlichen Treffen ins ostdeutsche Heiligendamm. Auf der Agenda stehen der Klimawandel, geistige Patente, die Regulierung der Finanzmärkte und Afrika. Die Gewerkschaften möchten auch das Thema »Decent Work« behandelt wissen.


(aus der Soli extra "G8/'Gute Arbeit'", Frühjahr 2007, Autor: Soli aktuell)