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Ein rasantes Projekt


Warum »Gute Arbeit«? Über ein zeitgemäßes Konzept.

Klimapolitik, Afrika, die Kontrolle der internationalen Finanzmärkte: Auf der Tagesordnung der G 8 stehen jede Menge hochspannende und schwierige Themen. Und was wollen die Gewerkschaften zu ihrem Schwerpunkt machen? »Gute Arbeit«? Können die gar nicht über den eigenen Tellerrand gucken?

Das Gegenteil ist der Fall: Ohne ein globales Konzept, wie allen Frauen und Männern Zugang zu einer menschenwürdigen und produktiven Arbeit in Freiheit, Gerechtigkeit, Sicherheit und menschlicher Würde verschafft werden kann, geht auch in den anderen Bereichen gar nichts. Denn ein solches Konzept ist gleichbedeutend mit einem konkreten gesellschaftlichen Wandel hin zu einer besseren Welt.

Von den 2,8 Milliarden Erwerbstätigen weltweit lebt jeder zweite von weniger als zwei US-Dollar (umgerechnet etwa 1,54 Euro) pro Tag. 500 Millionen müssen sogar mit weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen. Arbeitslosigkeit, Zwangsarbeit und informelle, prekäre Arbeit prägen den Alltag längst nicht mehr nur in den Entwicklungs- und Schwellenländern (siehe Seite 12). Auch in den Industriestaaten nehmen diese Phänomene zu (siehe Seite 13). Trotzdem spielt Beschäftigungspolitik keine große Rolle in der internationalen politischen Agenda.

Nur ein Beispiel: die Armutsbekämpfung. Es genügt nicht, Entwicklungshilfe zu leisten oder abzuwarten, dass sich internationale Unternehmen ansiedeln, wenn man die Armut tatsächlich und nachhaltig bekämpfen will. Es muss auch ein Rahmen geschaffen werden, der ein günstiges Umfeld für eine lokale nachhaltige Wirtschaft schafft – und der die Arbeitenden schützt, indem er ihnen durchsetz- und kontrollierbare Rechte gibt. Dass das eine schwierige Aufgabe sowohl für die Politik als auch für die Gewerkschaften ist, zeigen exemplarisch die aktuellen Entwicklungen in China. Hier plant die Regierung ein neues Arbeitsrecht, gegen das ausgerechnet die internationalen Konzerne Sturm laufen, die sich ansonsten das derzeit moderne Schlagwort der Unternehmensverantwortung auf die Fahne geschrieben haben (siehe Seite 9).

Die Vorarbeit zu einem Konzept der »Guten Arbeit« hat die Internationale Arbeitsorganisation (ILO ) geleistet, in der Vertreter aus Regierungen, Gewerkschaften und Arbeitgeberorganisationen zusammen arbeiten. Sie ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen (UN) und sitzt deshalb auch in Genf. Sie hat 180 Mitgliedsstaaten. In ihrem wichtigsten Organ, der Internationalen Arbeitskonferenz, die die Beschlüsse fällt, sind die Länder mit je vier Delegierten vertreten: zwei Vertreter der Regierung, ein Gewerkschafter und ein Arbeitgebervertreter. Die ILO arbeitet rechtsverbindliche Übereinkommen aus, die dann in den Mitgliedsländern ratifiziert werden müssen.

Dabei handelt es sich um Arbeitsnormen, die die Prinzipien und Rechte in der Arbeitswelt regeln. Oft werden sie durch Empfehlungen ergänzt. Wie bei so vielen internationalen Organisationen fehlt der ILO jedoch ein Instrumentarium, um eine Nichtumsetzung tatsächlich zu sanktionieren. Die einzige Kontrolle ist ein regelmäßiger Bericht, den die einzelnen Länder in Genf abzuliefern haben.

Die bekanntesten und wichtigsten ILO-Normen sind die so genannten Kernarbeitsnormen. Dazu gehören das Recht auf Vereinigungsfreiheit und Kollektivverhandlungen, die Beseitigung der Zwangsarbeit, die Abschaffung der Kinderarbeit und das Verbot der Diskriminierung in Beschäftigung und Beruf. Um wenigstens für diese vier Prinzipien Sanktionsinstrumente zu haben, drängen vor allem Gewerkschafter, inzwischen aber auch mehr und mehr Politiker darauf, die Kernarbeitsnormen in die Welthandelsorganisation aufzunehmen, der ein entsprechender Apparat zur Verfügung steht.

1999 hat die ILO sich selbst ein Leitbild gegeben, das sie »Decent Work Agenda« nannte – auf Deutsch: »Arbeitsprogramm hin zu ›Guter Arbeit‹«. Es fordert die Umsetzung und Förderung der Kernarbeitsnormen, menschenwürdige Beschäftigungsmöglichkeiten mit ausreichendem Einkommen, sozialen Schutz im Arbeitsleben, also Schutz vor Arbeitsunfällen, gegen Risiken wie Krankheit, Invalidität, Arbeitslosigkeit und Alter, sowie die Stärkung des Dialogs zwischen den Sozialpartnern.

Inzwischen hat »Gute Arbeit« – wenig beachtet von der Öffentlichkeit – eine rasante Karriere erfahren. Vor allem die ILO selbst hat Einzelagenden zu verschiedenen Aspekten herausgegeben. Dazu gehören ein Bericht zu Zwangsarbeit weltweit aus dem Jahr 2005 (siehe Seite 13) und eine Agenda zu HIV/AIDS am Arbeitsplatz (Seite 11) im Jahr 2006.

Bei der Durchsetzung der Kernforderung nach Vereinigungsfreiheit, also der Möglichkeit, Gewerkschaften zu bilden, hat die ILO ebenfalls einen Erfolg verzeichnet. Seit dem vergangenen Jahr gibt es auch in Kolumbien ein ILO-Büro (Seite 10). Das ist deswegen bemerkenswert, weil Kolumbien für Gewerkschafter das gefährlichste Land der Welt ist. Allein 2006 wurden 78 Kollegen ermordet und viele hundert ernsthaft bedroht.

Die folgenden Seiten und Artikel zeigen (siehe die Artikel der Soli extra "G8/'Gute Arbeit'" oder gleich die gesamte Ausgabe im PDF-Format) beispielhaft, wie umfassend und ambitioniert das Projekt »Gute Arbeit« ist, wie vieler Puzzleteile es bedarf – und wie schwierig es ist, »Gute Arbeit« und »Gute Ausbildung« nicht nur zu definieren, sondern vor allem auch durchzusetzen.

Infos: www.ilo.org



(aus der Soli extra "G8/'Gute Arbeit'", Frühjahr 2007, Autor: Soli aktuell)