Qualität der Ausbildung – da gibt es in Deutschland ein breites Spektrum. Drei Porträts von ganz mies bis voll in Ordnung.
Küche, Abwasch, Klo
Tischler-Azubi Tom Meyer* musste viele Schikanen über sich ergehen
lassen – bis er sich bei der Gewerkschaft schlau machte und anfing zu
streiken.
Warum gerade jetzt?«, fragte sich der 21-jährige Tom. Es war kurz nach
halb zehn, die Frühstückspause hatte gerade begonnen. Und dann kam
dieser riesige Lkw auf den Hof der Tischlerei gefahren. Er wusste, was
zu tun war. Wie immer, wenn es was zu entladen gab, war das sein Job:
Die Lkw-Ladung Spanplatten, zwei mal drei Meter groß, musste ins Lager.
Die drei alten Gesellen und der Chef schauten nur zu.
»Wir sind fast wie Sklaven«, sagt Tom über sich und den anderen jungen
Tischler-Azubi. Beide arbeiten für den Meister eines kleinen Betriebs
in Mittelhessen – nur als billige Arbeitskraft, ist sich Tom sicher.
Denn selbst normale Hilfsarbeiter sind teurer. Schließlich verdienen
Tischler-Azubis mit durchschnittlich 372 Euro im Osten und 492 Euro im
Westen sehr wenig. Von 25 Ausbildungsberufen, die im Ausbildungsreport
2006 des DGB aufgeführt sind, gibt es bei keinem anderen weniger Lohn.
Wegen besserer Werte in anderen Kategorien kam der Beruf im Ranking
allerdings insgesamt auf einen mittleren 13. Platz.
An den vielfältigen Aufgaben von Tom und anderen lag das nicht.
Tischlerinnen und Tischler müssen in Betrieben häufig ausbildungsfremde
Tätigkeiten übernehmen. Bei ihm beginnt jeder Tag um zehn nach sieben
mit nicht gerade typischen Tischlerarbeiten. Bis die Gesellen und der
Chef um 7.30 Uhr ankommen, müssen Lager und Werkstadt gefegt und alle
Mülleimer geleert sein. Auch Tee kochen, den Abwasch erledigen oder Klo
putzen – das fordert der Chef von Tom. Und pünktlich um neun muss er
zum nächsten Supermarkt fahren und Frühstück einkaufen: Brötchen,
Wurst, Fleischsalat. Das Geld muss er selbst auslegen und dann von den
anderen wieder eintreiben. Weil andere Befragte ähnliche Erfahrungen
gemacht hatten, landete die Tischlerei-Ausbildung im Bereich
Ausbildungsinhalte nur auf einem schlechten 21. von 25 Plätzen – kurz
vor Verkäuferinnen, Fachkräften für Schutz und Sicherheit oder Sport-
und Fitnesskauffrauen.
Das machte Tom lange Zeit große Sorgen. Denn wenn es mal was
»Richtiges« zu tun gab, dann meist nur Kanten schleifen oder andere
Dinge, die Tom kaum auf seine Abschlussprüfung vorbereiten. Die Angst
davor wurde immer größer: »Wie soll ich bloß die Prüfung bestehen?«,
fragte er sich nach einigen Monaten voller Frust. Er wurde depressiv,
fand alles »scheiße« und wollte die Ausbildung abbrechen. Doch seine
Eltern redeten auf ihn ein: Er solle froh sein, überhaupt eine
Ausbildung zu haben.
In seiner Not meldete sich Tom bei der Gewerkschaft IG Metall. Seitdem
weiß er sich zu helfen: Statt jeden Tag Überstunden zu machen geht er
jetzt öfter mal um 16.15 Uhr. Für Tom ein kleiner Streik, der
ausdrücken soll: So geht es nicht weiter.
Inzwischen hat der Meister sogar schon Geld für die zusätzliche Arbeit
bezahlt. »Nicht viel, aber immerhin«, sagt Tom. Der Juniorchef bringt
ihm nun technisches Zeichnen bei – und der Chef lässt ihn an einem
eigenen Projekt arbeiten. Doch der Lohn kommt immer noch nicht
regelmäßig.
Auch wenn Tom nicht mehr daran denkt aufzugeben, wundert er sich immer
noch, wie leicht Chefs Schindluder mit ihren Azubis treiben können. Die
Strafen für solch eine Ausbeutung müssten höher sein, fordert Tom: »Für
mich ist das Betrug – wer seine Azubis nicht ordentlich bezahlt, gehört
in den Knast.«
Überstunden, Mobbing
Anna-Lena Heine* wollte Werbekauffrau werden. Sie wurde gefeuert – kurz vor dem Ziel.
Das hatte sich Anna-Lena alles ganz anders vorgestellt. Die
Werbeagentur in Berlin-Mitte versprach eigentlich tolle Aussichten:
Über 90 hoch motivierte Kolleginnen und Kollegen, eine Abteilung für
Internationale PR, in der sie einen Teil der Zeit verbringen sollte,
und eine Auszeichnung als »hervorragender Ausbildungsbetrieb« durch den
Bürgermeister. »Was konnte da schon schief gehen?«, fragte sich
Anna-Lena voller Vorfreude.
Eine Menge. Alles begann damit, dass es keine »Empfangsdame« gab, als
die 21-jährige Berlinerin mit der Ausbildung zur Werbekauffrau begann.
Sie musste zunächst für ein ganzes Jahr dort einspringen. Doch was
danach kam, empfand sie als noch schlimmer. Weil die Sekretärin des
Chefs weg war, sollte sie wieder aushelfen. Denn sie war die beste
unter den zwölf Azubis – das hatten die Schulnoten und die interne
Beurteilung gezeigt. Und der Chef wollte die Beste für sich.
Doch auf diesem Niveau konnte er selbst nicht mithalten. »Auf den
Morgenkonferenzen hat er gedroht, mich rauszuwerfen und mich persönlich
angegriffen«, erinnert sich Anna-Lena ungern. Sie sei schuld daran,
dass die Terminkoordination nicht geklappt habe.
Doch der Chef konnte seine Termine oft nicht einhalten. Die Folge: Sie
musste die Termine bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern absagen
und neue absprechen. Doch die weigerten sich oft und hatten angeblich
keine Zeit. Der Chef kochte. Sagte, sie sei »blond, blöd und
lahmarschig« und bezeichnete sie öffentlich als »naiv und inkompetent«.
Irgendwann bekam sie eine Abmahnung.
Von diesen Missständen konnte sich Anna-Lena nur schwer erholen. Von
halb acht morgens bis zehn Uhr abends musste sie in der Werbeagentur
anwesend sein. Sogar wenn um acht Uhr abends nichts mehr zu tun war. Es
könnte ja noch was reinkommen.
Haufenweise unbezahlte Überstunden, Tätigkeiten, die mit der Ausbildung
nichts zu tun hatten und »eine kleine Diktatur von oben« – neben
Anna-Lena haben auch viele andere Werbekaufleute solche Erfahrungen
gemacht. Im DGB-Ausbildungsreport 2006 schneidet die Ausbildung zu
Werbekaufleuten entsprechend schlecht ab. Die Ausbildungsbetriebe
landeten auf dem 25. und letzten Platz.
Gemeinsam mit ihren elf Azubi-Kolleginnen und -Kollegen hatte Anna-Lena
auch keinen direkten Ansprechpartner, um eindeutige Arbeitsaufträge zu
bekommen oder einfach nur über den Stress und die Sorgen zu sprechen.
Die anderen Azubis hatten sogar noch schlimmere Jobs als sie. Einige
mussten den ganzen Tag nur kopieren und ausdrucken. Ein junger
Azubi-Kollege wurde nur als Hausmeister eingesetzt: Türen ölen,
Glühbirnen wechseln, für vollständige Klopapier-Reserven sorgen – und
mit den Handwerkern die Termine koordinieren. Kein Wunder, dass die
Ausbildungsfirmen auch im Bereich »Ausbildungsinhalte« den letzten
Platz einnahmen. Im Ranking um wenige Überstunden landeten sie
ebenfalls ganz unten.
Anna-Lena hätte trotzdem weiter gemacht. Die meisten Kollegen waren
nett und im Bereich für Internationale PR hatte sie zwischendurch viel
gelernt. Doch weil sie angeblich unerlaubt einen Brief geöffnet haben
soll, folgte Abmahnung Nummer zwei. Danach musste sie zwei Wochen das
Lager im Keller sortieren und aufräumen. Als sie danach zur
Personalabteilung beordert wurde, überreichte man ihr dort die
Kündigung. Inzwischen studiert Anna-Lena Gesellschafts- und
Wirtschaftskommunikation an der Berliner Universität der Künste.
Ideale Betreuung
IT-Systemelektroniker Christian Sohr hat eine gute Ausbildung gemacht.
Plötzlich musste alles ganz schnell gehen. Auf fünf Berliner
U-Bahnhöfen waren die Anzeigetafeln ausgefallen. Und der Azubi zum
IT-Systemelektroniker Christian Sohr sollte den Fehler finden –
natürlich gemeinsam mit älteren Kollegen der Berliner Verkehrsbetriebe.
Aber unter hohem Zeitdruck. Für den 23-jährigen kein Problem: »Der
Außendienst hat immer besonders viel Spaß gemacht.« Denn hier konnte er
sich in der Praxis bewähren.
Schon seit der achten Klasse wollte Christian diesen Beruf erlernen.
Schon mit sieben Jahren bastelte er an seinem ersten Computer rum, um
ihn mit wenig Geld möglichst stark aufzurüsten. Auch heute dreht sich
bei ihm alles um jede Menge Kabel, Server und Computer. Er plant
Datenleitungen, berechnet Stromleitungen oder installiert
Betriebssysteme und Programme auf den Rechnern. Schlechte Erfahrungen
fallen dem späteren IT-Systemelektroniker fast keine ein.
Damit geht es ihm wie den meisten seiner Kolleginnen und Kollegen. Denn
die Ausbildung zum »IT-Systemelektroniker« schnitt im DGB-Ranking unter
den Ausbildungsberufen am besten ab. »IT-Systemelektroniker werden sehr
gut von ihren Ausbildern betreut und erhalten überdies noch Hilfe von
anderen Mitarbeitern«, heißt es im Ausbildungsplatzreport 2006 des DGB.
Im Bereich »Fachliche Anleitung« landen die Ausbildungsbetriebe daher
auf einem sehr guten zweiten Platz, bei »Ausbildungsinhalten« sogar an
der Spitze.
Christian hat auch schon mal Überstunden gemacht. Im Außendienst,
freiwillig und sehr selten. »Die Arbeit war noch nicht ganz fertig, und
da habe ich weiter gemacht, weil es so viel Spaß machte.«
Natürlich hat er auch Glück, bei einer so großen Firma wie den
Verkehrsbetrieben gelandet zu sein. Er schwärmt von strukturierter
Arbeit und den komplizierten Verkabelungen in den riesigen
Computerräumen. Auch die modernen Lichtwellenkabel aus Glasfasern gibt
es nicht überall. Für Christian sind das aufregende Themen.
Weniger spannend ist es nur im Ausbildungszentrum: Dort musste er schon
mal eine ganze Woche Computersysteme auf die Rechner verschiedener
Abteilungen installieren. Das ist aber kein Vergleich zu den monotonen
Tätigkeiten, von denen andere Azubis in der Umfrage der DGB erzählten.
»Außerdem gehört das zu den klassischen Aufgaben von
IT-Systemelektronikern«, sagt Christian.
Der Azubi mit erstklassigen Noten hofft, nach der Ausbildung
langfristig übernommen zu werden. Für ein Jahr und einen Tag ist dies
schon gesichert, denn die Gewerkschaft ver.di hat diese Garantie so mit
dem Betrieb ausgehandelt. Doch auch für danach macht er sich wenig
Sorgen, einen festen und interessanten Job zu bekommen: Notfalls will
er sich selbstständig machen – und nach dieser guten Ausbildung hält er
sich für gut vorbereitet. Schließlich durfte er eigenständig neue
Projekte entwickeln. Und wenn er dabei einmal Probleme hatte, standen
ihm stets die Ausbilder zur Seite. Christians Fazit: Er kann die
Ausbildung zum IT-Systemelektroniker nur empfehlen.
*Namen von der Redaktion geändert.
(aus der Soli extra "G8/'Gute Arbeit'", Frühjahr 2007, Autor: Christian Honnens)