Die Globalisierung zwingt ie Gewerkschaften zu innovativen Methodenmixen. Bestes Beispiel ist die Lidl-Kampagne von ver.di.
Globalisierung muss keine Domäne der Konzerne bleiben. Das ist das
bisherige Fazit von Agnes Schreieder. Seit 2002 arbeitet die
ver.di-Handelsexpertin gemeinsam mit den JournalistInnen Andreas Hamann
und Gudrun Giese kontinuierlich an einer Kampagne für die Einhaltung
von Sozialstandards und bessere Arbeitsbedingungen bei dem Discounter
Lidl. Der gehört neben Kaufland zur Schwarz-Gruppe, einem
Handelskonzern, der sowohl für seine aggressive Expansionspolitik als
auch für seine Zurückhaltung bei der Veröffentlichung von Zahlen
bekannt ist. Und spätestens seit Dezember 2004 auch dafür, dass er ein
Schweineunternehmen ist, was den Umgang mit seinen MitarbeiterInnen
angeht.
Was damals mit dem ersten »Schwarzbuch Lidl« begann, hat sich zu einer
europäischen Kampagne gegen die Praktiken des Discounters entwickelt,
die dabei ist, sich zu einer globalen Konzernstrategie zu mausern.
Doch von vorne: Mit dem Schwarzbuch dokumentierte das Team aus
ver.di-Leuten und freien JournalistInnen erstmals anhand von konkreten
Beispielen und Interviews mit Betroffenen die Arbeitsbedingungen in
deutschen Lidl-Filialen für ein breiteres Publikum: Leistungsdruck,
Mobbing, Kontrollen, unbezahlte Arbeit, verweigerte Pausen und
Unterdrückung von Betriebsratsgründungen. Kritische
WirtschaftsjournalistInnen des Netzwerk Recherche, die sich Ende 2006
in Wiesbaden trafen, lobten die Arbeit als Beispiel für »investigativen
Journalismus« und vor allem als Anregung zum Weiterrecherchieren.
Für Schreieder und Co. war das Buch der erste Erfolg einer nicht gerade
einfachen Arbeit vor Ort, bei der sie Ängste und Misstrauen der
Lidl-Beschäftigten erst abbauen mussten. Und es war der Anfang einer
Vernetzung. Das globalisierungskritische Netzwerk Attac, dem ver.di
auch angehört, startete eine Parallelkampagne. Diese stützte die
Forderungen der Gewerkschaft nach menschenwürdiger Behandlung der
Beschäftigten, einem fairen Umgang mit Produzenten und Lieferanten und
größerer finanzieller Transparenz und ergänzte sie um die Forderung
nach mehr Informationen über die Herkunft der Produkte. Damit kamen
auch Organisationen ins Boot, die sich mit Umwelt- und
Verbraucherfragen sowie mit fairem Handel beschäftigen.
Es kam zu Protesten vor Lidl-Filialen und Zentralen, Greenpeace deckte
auf, dass Lidl Pestizid-behandeltes Obst und Gemüse verkaufte.
Unterschriften wurden gesammelt und genauso öffentlichkeitswirksam
übergeben wie Negativpreise.
Zahlreiche Anfragen aus dem Ausland machten deutlich, dass sich die
Kampagne nicht auf Deutschland beschränken durfte. Schreieder und Co.
weiteten ihre Recherchen aus – und veröffentlichten im Sommer 2006 ein
»Schwarzbuch Lidl Europa«. Es beschreibt nicht nur die konkreten
Arbeitsbedingungen in Lidl-Filialen von Portugal bis Ungarn, sondern
zeigt auch, was das System Lidl und Globalisierung miteinander zu tun
haben: Wie der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske und seine
Stellvertreterin Margret Mönig-Raane im Vorwort schreiben, wäre es
falsch zu behaupten, Lidl könne gar nicht anders, weil der
Konkurrenzdruck auf den liberalisierten Märkten so groß sei und die
Löhne woanders so niedrig seien. Tatsächlich »setzt Lidl mit seiner
Dumping-Politik Negativtrends in ganz Europa«. Und kassiert dafür auch
noch Subventionen in mehrstelliger Millionenhöhe: Sowohl die
Weltbank-Tochter IFC als auch die Europäische Bank für Wiederaufbau und
Entwicklung finanzierten und finanzieren die Ansiedlung immer neuer
Filialen der Unternehmensgruppe etwa in Kroatien, Polen und Bulgarien.
»Die Darlehen belaufen sich in nur zwei Jahren auf etwa 280 Millionen
Euro«, schreibt »Schwarzbuch«-Autor Andreas Hamann.
Ein erneuter Kredit von über 100 Millionen Euro zur Finanzierung von
Kaufland-Filialen des Schwarz-Konzerns in Rumänien steht nach
vernetzten Protesten von ver.di, der rumänischen Handelsgewerkschaft
sowie AktivistInnen der Gruppe CEE Bankwatch seit Ende Januar 2007 auf
der Kippe.
Das zweite Schwarzbuch sorgte in der europäischen Medienlandschaft für
Wirbel. Und nicht nur das: Die Arbeit daran hat ver.di wieder neue
europäische und internationale Kontakte eingebracht, die für die
weitere Entwicklung einer globalen Discounter-Strategie wichtig sind.
Schon jetzt ist Lidl aufgescheucht. Bereits nach dem ersten
»Schwarzbuch« hat der Konzern erstmalig einen Pressesprecher
eingestellt, der für gute Stimmung in den Redaktionen der Medien sorgen
soll. Zudem arbeiten inzwischen zwei PR-Agenturen an einer Verbesserung
des Images. Die Folge: Jeweils zu Jahresbeginn schaltet Lidl bundesweit
medienwirksame Anzeigen (»Lidl sucht den Superazubi«, »Dreamteam 2006«)
für Ausbildungsplätze.
Auch bei den Produkten fährt der Konzern eine neue Strategie –
jedenfalls verbal. Seit dem vergangenen Jahr stehen in den
Lidl-Filialen Transfair- und sogar Bioprodukte zum Verkauf. Allerdings
machen sie, wie nicht nur die ver.di-Leute, sondern auch die
Verbraucher umgehend bemerkten, nur einen verschwindend geringen Anteil
des Sortiments aus.
Schreieder hält die Initiative nicht nur für eine PR-Aktion, sondern
auch für einen Versuch, die Kritikerfront aufzuspalten. Dafür würde
auch die Aufnahme des »Greenpeace-Magazins« in den Verkauf sprechen.
Aller Aufregung zum Trotz: Der ganz große Erfolg für die Gewerkschaft
steht noch aus. Immer noch gibt es nur in vier Filialen Betriebsräte.
In anderen verbesserten sich die Arbeitsbedingungen nur kurzfristig,
das Unternehmen kehrte schnell wieder zu den früheren Praktiken zurück.
»Man muss einfach dran bleiben«, sagt Schreieder.
(aus der Soli extra "G8/'Gute Arbeit'", Frühjahr 2007, Autor: Beate Willms)