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Sackgasse Hochschullaufbahn


Vier Fünftel der Forschung und zwei Drittel der Lehre wird vom wissenschaftlichen Nachwuchs geleistet. Fast immer prekär und unterbezahlt. Von Andreas Keller

Die werden die Universitäten den gegenwärtigen Anforderungen der Lehre gerecht? Viele Hochschulen versuchen, den von der Kultusministerkonferenz prognostizierten "Studentenberg" auf Kosten junger WissenschaftlerInnen aufzufangen. Selbst eine Exzellenz-Universität wie die Ludwig-Maximilians-Universität München scheut sich nicht, per Stellenausschreibung so genannte Lecturer mit einer Lehrverpflichtung von 18 Semesterwochenstunden zu suchen – Voraussetzung: "Bewerber sollten habilitiert sein oder vergleichbare Qualifikationen aufweisen", Angebot: zwei Jahre Zeitvertrag, Vergütung nach BAT 2a.

Dieser Trend steht im Gegensatz zu den wissenschaftspolitischen Anstrengungen von Bund und Ländern, der Wissenschaft mehr "Exzellenz" zu verleihen. Wer eine exzellente Qualität der Forschung und Lehre an unseren Hochschulen möchte, darf von der Qualität der Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen nicht schweigen.

Es ist ein Anachronismus der deutschen Hochschulpersonalstruktur, dass WissenschaftlerInnen entweder bereits eine Professur innehaben oder aber als wissenschaftlicher "Nachwuchs" angesehen werden, dessen Hauptaufgabe darin besteht, sich auf eine Professur vorzubereiten – und sei es ein Leben lang. Dazwischen kennt die deutsche Hochschulpersonalstruktur keine anerkannte Position.

Tatsächlich aber werden die vermeintlichen NachwuchswissenschaftlerInnen nicht etwa nur qualifiziert und "ausgebildet", sondern leisten einen unverzichtbaren Beitrag zur Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung von Forschung, Lehre und Studium. Mindestens vier Fünftel der an den Hochschulen geleisteten Forschungstätigkeit und zwei Drittel der Lehrtätigkeit werden von nichtprofessoralen WissenschaftlerInnen geleistet.

In Zeiten knapper Hochschulhaushalte hat die Fiktion vom "wissenschaftlichen Nachwuchs" aber eine ganz neue Funktion bekommen: Sie legitimiert nicht nur die Abhängigkeit der WissenschaftlerInnen von ihren Doktor- und Habilitations-"Vätern", sondern auch atypische bis prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Denn für die übergroße Mehrheit der nichtprofessoralen WissenschaftlerInnen sind befristete Arbeitsverträge die Regel: 2006 waren von 108.499 vom Statistischen Bundesamt erfassten KollegInnen 89.525 befristet beschäftigt – das sind 82,5 Prozent!

Möglich macht dies das seit 1985 im Hochschulrahmengesetz enthaltene Sonderarbeitsrecht für die Wissenschaft, das die Große Koalition 2007 mit dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz fortgeschrieben und zugleich verschärft hat. Während die Befristung von Arbeitsverträgen in der Wirtschaft und im übrigen Öffentlichen Dienst an strenge Voraussetzungen gebunden sind, können die Arbeitgeber im Wissenschaftsbereich willkürlich Befristungen aussprechen.

Viele WissenschaftlerInnen werden zudem ungewollt auf Teilzeitstellen beschäftigt. Derzeit ist jeder dritte der unbefristet und beinahe jede zweite der befristet angestellten MitarbeiterInnen in der Wissenschaft teilzeitbeschäftigt. Dabei wird der eigentliche Grund für die Befristung der Beschäftigungsverhältnisse, nämlich die Weiterqualifikation (Promotion oder Habilitation), zugleich häufig stillschweigend zur Privatangelegenheit erklärt, die in der Freizeit zu erledigen ist. Ein Großteil der wissenschaftlichen Arbeit an Hochschulen wird also de facto unbezahlt erbracht.

Wer es während einer solch langen und steinigen Hochschullaufbahn nicht schafft, auf eine Professur berufen zu werden, steckt in einer Sackgasse: Auf dem außerhochschulischen Arbeitsmarkt gilt er oder sie als überqualifiziert und zu alt, in Hochschule und Forschung gibt es auf Dauer keine Beschäftigungsmöglichkeiten.

Ein schlecht bezahlter Lehrauftrag ist für viele häufig der letzte Strohhalm. Forschung und Lehre wird so zu einem immer größeren Anteil von nebenberuflich tätigen WissenschaftlerInnen geleistet.

Während die Personalausstattung der Hochschulen trotz zunehmender Aufgaben und gestiegener Studierendenzahlen seit Jahren insgesamt stagniert, sind die Lehrbeauftragten die einzige Personalkategorie, die von 1997 bis 2006 Zuwachs zu verzeichnen hatte – und das gleich um fast 50 Prozent. Die für Lehraufträge bezahlten Vergütungen liegen zwischen 15 und 50 Euro – je geleisteter Lehrveranstaltungsstunde. Vor- und Nachbereitungszeiten, die die Präsenzzeit im Hörsaal um ein Vielfaches übersteigen, werden nicht bezahlt. Nicht selten werden Lehraufträge sogar unvergütet erbracht.

Besonders schwer haben es Frauen. Obwohl heute jeder zweite Studierende eine Studentin ist und fast 40 Prozent der Promotionen von Frauen abgelegt werden, beträgt der Frauenanteil an den Professuren erst 14 Prozent, bei der höchsten Besoldungsstufe C4 bzw. W3 nur zehn Prozent.

Dass stabile und langfristige Berufsperspektiven in der Wissenschaft fehlen, wirkt sich für Frauen zusätzlich benachteiligend aus: Denn mit jeder Qualifikationsstufe steigen Frauen aus der Wissenschaft aus, statt in ihr aufzusteigen. Der hinter der Personalstruktur stehende, vertikal angelegte Karrierebegriff wird der gesellschaftlichen Entwicklung ihrer Lebensentwürfe und der vieler Männer nicht gerecht. Hinzu kommt der tradierte, aber völlig antiquierte Mythos, dass Wissenschaft eben kein Beruf wie jeder andere sei, sondern eine Lebensform, der man(n) sich voll und ganz hinzugeben habe.


(aus der Soli extra "Für ein soziales Studium", Februar 2008, Autor: Andreas Keller, Vorstandsmitglied der Bildungsgewerkschaft GEW und zuständig für Hochschule und Forschung)