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Sparen ist keine Tugend


Geld sammeln in einer Volkswirtschaft geht nicht, das ­Verhältnis zwischen Ausbildungsstellen und Bewerbe­rInnen beträgt am besten 6:1, der Fachkräftemangel ist ein hübsches Märchen: UN-Finanz­experte Heiner Flassbeck bezieht ­Stellung.

Ich bin jung, habe die Schule fertig und stehe nun vor der Entscheidung: Wie geht’s weiter? Die Finanzkrise hat mich jedenfalls schwer verunsichert. Welcher Wirtschaftszweig ist heute noch zukunftsfähig?

Da werden sich keine großen Unterschiede ergeben zu dem, was auch in der Vergangenheit zukunftsfähig war: Es wird weiter Industrie geben, es wird weiter Hochleistungsdienstleistung geben…

Ein Trend wird sicherlich sein, dass über viele Jahre immer mehr einfache Produktionsarbeiten in Entwicklungsländer ausgelagert werden. Das hat auf unsere Situation aber keinen entscheidenden Einfluss.

Ich würde aber niemand empfehlen, sich jetzt unmittelbar im Bereich Finanzdienstleistungen zu engagieren oder dort zum großen Experten zu werden. Weil ich annehme, dass es da früher oder später eine Regulierung gibt, die die Möglichkeiten – wenigstens gemessen an der Vergangenheit – etwas verringern könnten!

Gibt’s denn da Ausbildungsberufe?

Natürlich. Ich denke an jemanden, der sich nach der Bankausbildung entscheidet, noch weiterzugehen und dann ein Finanzstudium dranzuhängen, um jetzt mal das "richtige Geld" zu verdienen.

Apropos Finanzmarkt: Die deutsche Regierung legt ein Sparpaket auf. Dabei werden gern die jungen Leute von heute und deren Zukunft in Anspruch genommen – man müsse jetzt kräftig sparen, damit die jetzige junge Generation in den nächsten Jahren nicht in den Schulden ertrinkt. Sie sind aber nicht so ein großer Freund des Sparens, oder?

Am Sparen ist genau dann alles falsch, wenn alle sparen wollen. Denn in einer Volkswirtschaft können einfach nicht alle gleichzeitig sparen. Es kann nicht die schwäbische Hausfrau sparen, es können nicht die Unternehmen sparen und der Staat spart dann auch noch. Das Ergebnis ist eine Katastrophe. Wenn ein Teil der Volkswirtschaft spart, muss ein anderer Schulden machen. Sparen ist keine besondere Tugend. Das müsste man in Deutschland allerdings irgendwann mal begreifen. Aber ich fürchte, dass bestimmte Institutionen wie etwa die von den Arbeitgebern finanzierte "Initiative neue soziale Marktwirtschaft"* ihre Gehirnwäsche so intensiv betreiben, dass dieser Lerneffekt nie eintritt.

Es spricht überhaupt nichts dafür, dass der Staat rigide spart – in dem Sinne, dass er überhaupt keine Schulden macht. Wenn der Staat sparen will, muss er die privaten Haushalte überzeugen, dass sie sich verschulden sollen, sonst geht es nicht. Ein Beispiel: Die privaten Haushalte sparen zehn Prozent ihres Einkommens. Da kann man in den anderen Sektoren nicht sagen: Wir wollen eigentlich auch sparen. Dann können die privaten Haushalte nicht sparen. Dann kann eben niemand sparen.

Das Sparen verfolgt die Deutschen aber schon seit Jahrzehnten…

Ja, und zwar deswegen, weil wir einer Ideologie erliegen, die niemals funktionieren kann.

Weiß das der Finanzminister nicht?

In den letzten 30 Jahren hat es jedenfalls keiner kapiert.

Inwiefern hat Finanz- bzw. Geldpolitik einen Bezug zum Ausbildungssektor?

Es ist gefährlich, wenn man so zum falschen Zeitpunkt spart, wie jetzt gerade. Dann ist die Bildung auch betroffen. Wir haben ja über viele Jahre nicht nur wegen der Defizite, sondern auch, weil wir massiv Steuern gesenkt haben, kein Geld für Bildung gehabt. Nun müssen schon Notmaßnahmen ergriffen werden, um wenigstens den Sektor nicht abstürzen zu lassen. Viel Geld für Bildung war nie da. Warum? Weil immer Steuern gesenkt wurden, war die gesamte öffentliche Investitionstätigkeit in Deutschland eine Katastrophe.

Sparen bedeutet also, die Ausbildungsaktivitäten werden zurückgefahren. Gleichzeitig klagt die Wirtschaft, der Fachkräftemangel drohe.

Ja, aber es gibt im Moment keinen besonderen Fachkräftemangel. Weil Fachkräftemangel das Normalste der Welt in einer funktionierenden Wirtschaft ist. Nun wird das Thema in den Medien wieder aufgeplustert. Aber wir hatten auch schon mal eine Zeit, wo das Verhältnis des Angebots an offenen Ausbildungsstellen zu den Bewerberinnen und Bewerbern 6:1 war. Heute sind alle glücklich, wenn es 1:1 ist. Also, wenn es so viele offene Stellen wie Bewerber gibt. Da heißt es dann: Toll, das ist ja mal ein wirtschaftspolitischer Erfolg. Aber es ist Quatsch. Für ein ausgeglichenes Wirtschaftsleben müssten die viel bessere Wahlmöglichkeiten haben. Wir müssen zurückfinden zu einer Situation wirklicher Vollbeschäftigung – auch und gerade, um die Machtverhältnisse am Arbeitsmarkt wieder zu normalisieren.

Die DGB-Jugend hat ca. 500.000 junge Mitglieder, die um ihre Zukunft kämpfen. Was kann sie tun?

Man muss eine klare Meinung dazu haben, man darf sich nicht ins Bockshorn jagen lassen. Es muss insgesamt darauf hingearbeitet werden, ein Klima in der Volkswirtschaft zu schaffen, in dem die Arbeitslosigkeit zurückgeht. Weil die Gewerkschaftsfunktionäre sonst in den Betrieben nichts durchsetzen können. So war es in den letzten Jahren, so sind wir dahin gekommen, dass es seit zehn Jahren keine Reallohnsteigerung gibt.

Bedeutet dies ihr Satz: "Deutschland lebt seit Jahren unter seinen Verhältnissen"?

Wer wie Deutschland riesige Leistungsbilanzüberschüsse erwirtschaftet, lebt unter seinen Verhältnissen. Das Gürtel-enger-Schnallen kommt nur sehr wenigen zu Gute: Die oberen Einkommensklassen gewinnen dauernd und haben eine Sparquote von 20, 25 Prozent. Die haben also überschüssige Kaufkraft, die sie gar nicht verwenden wollen. Wenn man der arbeitenden Bevölkerung nicht ihren angemessenen Anteil am Produktivitätsfortschritt gibt, sondern ihre Löhne und Gehälter systematisch runterdrückt, kann die Volkswirtschaft niemals funktionieren.

Würde man da aktiv, würde doch das ganze exportlastige System zusammenkrachen…

Nein. Denn wenn man in der Lohnpolitik umsteuern würde, hätten wir Erfolge auf dem Binnenmarkt zu verzeichnen. Wenn wir mehr Binnenmarktnachfrage haben, müssen wir weniger exportieren oder könnten mehr importieren. Man kann sehr gut leben mit weniger Export – vor allem mit weniger Überschüssen!

Sie sind "Keynesianer" – was heißt das genau?

Es geht um eine völlig andere Diagnose der Wirtschaft. Die neoliberale Wirtschaftswissenschaft, die hierzulande den Ton angibt, deklariert Sparen als Investition. So gesehen kann es auch kein Nachfrageproblem geben, es kann auch kein Arbeitslosenproblem geben: Denn wenn die Löhne flexibel sind, wird dies ja immer für Vollbeschäftigung sorgen. Man muss sich entscheiden: Glaubt man an dieses Zeug? Wenn man daran nicht glaubt, ist man schon Keynesianer, so schnell geht das!

Und sehen sie sich im Aufwind?

Na, eher im Auflüftchen.

Ist es für Sie ein schwerer Rückschlag, dass es beim G20-Treffen nicht zu einer Abmachung über eine Finanztransaktionssteuer kam?

Die wäre schön gewesen, aber sie ist nicht das Entscheidende. Die Finanztransaktionssteuer ist eine Maßnahme, um das Tempo aus dem System rauszunehmen, aber keine Systemänderung. Ich hatte da weitergehende Wünsche. Wenn man in Europa die Vorschläge des US-Präsidenten Obama aufgegriffen hätte, das Bankensystem zu trennen in ein normales Bankgeschäft und das spekulative "Casino"-Geschäft, dann wäre dies ein sehr viel weitergehender Ansatz gewesen. Statt dessen hieß es: Ja, wenn wir für die Finanztransaktionssteuer eine Mehrheit finden, dann machen wir sie – ein schönes Ablenkungsmanöver.

Muss es denn ein "Casino" geben?

Nein. Casino ist schädlich und gefährlich, wenn die öffentliche Hand dafür bürgen muss. Diese Diskussion wird in Deutschland aber nicht geführt: niemand auf der Welt braucht den Großteil jener Aktivitäten, mit denen Investmentbanker zu tun haben.

Wird dies auch bei den Vereinten Nationen so gesehen?

Was ich hier erzähle, ist keineswegs meine Privatmeinung.

Und diese Dinge bedeuten…

…dass wir mehr Staat brauchen: einen anderen, einen kompetenten Staat. Und dass wir in den Bereichen staatliche Verschuldung, Umweltschutz, Arbeitslosigkeit, internationaler Handel und Finanzwelt völlig neue Regeln brauchen und die von eben jenem kompetenten Staat durchgesetzt werden müssen.

Laufen die Leute denn nicht weg, wenn die hören: "Starker Staat"?
Wo sollen sie denn hinlaufen?

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* Die "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" ist eine
im Jahr 2000 vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall ­gegründete öffentlichkeitswirksame Organisation, die ­unter dem Label "Soziale Marktwirtschaft unter den ­Bedingungen des 21. Jahrhunderts" für Privatisierung
und Entstaatlichung wirbt – also für reine Unternehmer­interessen.


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Heiner Flassbeck - Welt-Wirtschafts­experte
Heiner Flassbeck, 59, ist Wirtschaftswissenschaftler. Er war von 1998 bis 1999 Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen und ist ein führender Vertreter der so genannten nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik in Deutschland.

Seit November 2000 ist er Chef-Volkswirt bei der UNO-Organisation für Welthandel und Entwicklung (UNCTAD) in Genf.

Seine ökonomische Ausrichtung wird häufig mit dem Namen John Maynard Keynes (1883-1946) in Verbindung gemacht – einem britischen Ökonomen, der sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wegweisend mit der Frage beschäftigte, wie durch staatliches, gesamtwirtschaftlich orientiertes Handeln das krisenhafte Versagen des Wirtschaftssystems verhindert oder wenigstens gemildert werden könnte. Als wichtigstes Instrument sah er den Staat, der in schwierigen Zeiten mit Investitionen die Wirtschaft beeinflusst.

So plädiert auch Flassbeck für eine aktive Geldpolitik, eine flankierende Finanzpolitik, eine verteilungsneutrale Lohnpolitik, die Arbeit an einer globalen Finanz- und Währungsordnung sowie intelligente und soziale Reformen. Das Grundproblem der gegenwärtigen Krise sieht er in dem ökonomischen Ungleichgewicht im Wirtschaftsraum Europa, insbesondere, was die Wettbewerbsfähigkeit der südeuropäischen Mitgliedsländer angeht.

Im September 2010 erscheint sein neues Buch "Die Marktwirtschaft des 21.Jahrhunderts". Darin plädiert Flassbeck für ein "neues Wirtschaftswunder". Dafür müsste aber die Wirtschaftspolitik neuen Regeln unterstellt werden: "Ohne Idee und ohne wirtschaftspolitische Kompetenz treiben die Regierungen der Industrieländer auf dem von den Finanzmärkten verwirbelten Strom der Weltwirtschaft: Wachstum wollen sie, aber auch Klimaschutz; die Konjunktur wollen sie anregen, aber auch die öffentlichen Haushalte konsolidieren; freien Handel wollen sie, verstehen ihn aber nicht; die Finanzmärkte wollen sie regulieren, wissen aber nicht wie."

Die Führungen in den Industrieländern wüssten nicht mehr, wie man die freie Entwicklung der Menschen zulasse, den Fortschritt aber ökologisch und sozial so sichere, dass nachhaltiges Wirtschaften möglich sei. Hier sei die Teilhabe aller BürgerInnen am gemeinsam erarbeiteten Fortschritt notwendig.


Heiner Flassbeck: Die Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts, Westend-Verlag, Frankfurt/M. 2010, 304 S., 22,95 Euro


(aus der Soli 8+9/10, Autor: Jürgen Kiontke)