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Die Kluft wird größer
Die 16. Shell-Jugendstudie zeigt das weitere Auseinanderdriften der Milieus: Jugendliche aus sozial schwachen Familien werden immer stärker benachteiligt.
Zuversicht und Optimismus bestimmen derzeit das Lebensgefühl der Jugend in Deutschland, wenn man nach den Ergebnissen der 16. Shell-Jugendstudie geht, die Mitte September 2010 veröffentlicht wurde. Die Studie erscheint alle vier Jahre und gilt als wichtigster Gradmesser, wenn es um die Befindlichkeiten der Generation der zwölf- bis 25-Jährigen geht.
Eitel Freude und Sonnenschein herrscht trotz der vordergründig schönen Resultate aber noch lange nicht. Denn während insgesamt 59 Prozent der 2.500 Befragten aus den vornehmlich besser betuchten Gesellschaftsschichten zuversichtlich ihrer Zukunft entgegenblicken, kann dies lediglich ein Drittel der Jugendlichen aus weniger privilegierten Verhältnissen von sich sagen: Ihnen fehlt es nämlich an schulischen, beruflichen oder auch ganz einfach individuellen Perspektiven. Und so verbirgt sich hinter den Daten vor allem eines: die starke soziale Spaltung der Jugend.
Bei der DGB-Jugend ist darüber niemand verwundert: "In keinem anderen Land hat die soziale Herkunft derart dramatische Auswirkungen auf die individuellen Bildungschancen", sagt DGB-Bundesjugendsekretär René Rudolf.
Er warnt zudem davor, dass der offensichtliche Optimismus eines großen Teils der jungen Generation rasch zu Enttäuschungen führen kann. "Es ist ja grundsätzlich positiv, dass 76 Prozent der Auszubildenden glauben, nach der Ausbildung übernommen zu werden. Die spätere Realität sieht aber leider etwas anders aus", so Rudolf.
Nach einer aktuellen Studie der Hans-Böckler-Stiftung wurden bereits 2007 lediglich 60 Prozent der Azubis übernommen. Angesichts der Finanzkrise ist zu befürchten, dass sich dieser Wert noch einmal verschlechtert hat. Und Stephan Grünewald, der Leiter einer anderen Jugendstudie, die das Kölner Marktforschungsinstitut Rheingold dieser Tage ebenfalls veröffentlicht hat, spricht anhand seiner Daten sogar von einer "tiefen Verachtung", mit der selbst Menschen, die sich eher als solidarisch einschätzen, auf schwächere Gruppen herabschauen: "Die Welt ist klar geteilt in Winner und Loser."
"Die Jungen spüren den Druck", sagt Rudolf. "Die Anforderungen steigen ständig, die Konkurrenz ist groß – darauf wollen sie vorbereitet sein und setzen auf Bildung. Eine gute Schulbildung und eine qualitativ hochwertige Ausbildung sind ihre Absicherung gegen die düsteren Zukunftsperspektiven. Da ist es umso wichtiger, dass wir endlich einen gerechten Zugang zur Bildung für alle bekommen und die Qualität der Ausbildung sicherstellen."
Wie sich die berufliche Zukunft aber tatsächlich gestalten wird, ist für einen großen Teil der Jugendlichen unklar. Die Jugendarbeitslosigkeit ist seit Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise dreimal so stark gestiegen wie in allen anderen Altersgruppen. Und wem der Berufseinstieg gelingt, sieht sich häufig mit prekären bzw. atypischen Beschäftigungsverhältnissen konfrontiert: mit zeitlich befristeten Verträgen, in Leiharbeit, mit schlechter Entlohnung oder in teils unbezahlten Praktika.
Dieser Trend findet sich, eher versteckt, auch in den Zahlen der Shell-Studie wieder: So ist das Vertrauen in die großen Unternehmen gesunken, ebenso wie in die Politik, während das Vertrauen in die Gewerkschaften überdurchschnittlich hoch ist. Rudolf: "Die junge Generation sieht sehr klar, wer sich wirklich für sie und ihre Zukunft einsetzt und wer nicht."
Ein weiteres Ergebnis der Shell-Studie: 44 Prozent würden an einer Demonstration teilnehmen, wenn ihnen eine Sache persönlich wichtig ist. Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hatte im Auftrag der DGB-Jugend 2009 sogar eine Protestbereitschaft von 60 Prozent ermittelt.
Das gerade bei jüngeren Befragten der Shell-Studie deutlich gewachsene Interesse an gesellschaftlichen Vorgängen ist für die DGB-Jugend ein positives Signal. "Es lässt auch uns hoffnungsvoll in die Zukunft blicken, wenn die heranwachsende Generation wieder politischer wird und soziales Engagement zunimmt", so Rudolf.
Mathias Albert, Klaus Hurrelmann u.a.: Shell-Jugendstudie 2010, Fischer, Frankfurt/M. 2010, 412 S., 16,95 Euro
(aus der Soli aktuell 10/10, Autor: Jürgen Kiontke)