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Um Chancen kämpfen


Die Gewerkschaftsjugend war eine tragende Säule bei den europaweiten Demonstrationen am 16. Mai 2009. Jetzt heißt es: Für die Zukunft arbeiten.

Die Wirtschaft bietet Jugendlichen derzeit nicht allzuviel Perspektive: "Nur 50 Prozent der Azubis werden später übernommen", rechnet Antonia Stöckert von der IG Metall-Jugend auf der Kundgebungsbühne am Berliner Hauptbahnhof vor. Die anderen schlagen sich prekär durchs Leben.

Hier, am 16. Mai 2009, auf einer der Demonstrationen anlässlich der Aktionstage des Europäischen Gewerkschaftsbundes (EGB), werben die jungen MetallerInnen für zwei wirtschaftspolitische Strategien: Erstens müssen alle Azubis nach der Ausbildung übernommen werden. Deshalb hat die IG Metall-Jugend die "Operation Übernahme" gestartet, mit der die Quote übernommener Azubis gesteigert werden soll. Zweitens: die Rente mit 67, vom Kabinett beschlossen, muss wieder weg. Tenor: Wir lassen uns die Zukunft nicht verbauen.

Gerade beim zweiten Thema erntet die Jugendvertreterin viel Applaus. Die Leute wissen: Wenn die Politik jetzt nicht langfristig investiert in Bildung und Ausbildung, dann wird auch die Wirtschaft zum Erliegen kommen. Alte sollen länger arbeiten, Junge bekommen keine Stelle? Nein, so geht es nicht. "Dieser Kapitalismus muss weg", schallt es von der Bühne. "Und der andere auch", kommt es von unten zurück. Zugaben soll die junge Rednerin geben.

Der Startort des anderen Berliner Demo-Zuges ist der Breitscheidtplatz. Dort hat ebenfalls die Gewerkschaftsjugend das Wort. Jörg Grünefeld, Bundesvorsitzender der ver.di Jugend, beschwört die Formel "Wir sind sozial unruhig".

Hintergrund: Der DGB-Vorsitzende Michael Sommer hatte vor nachhaltigen Störungen des sozialen Friedens in Deutschland gewarnt, sollten die Auswirkungen der Finanzkrise denen angekreidet werden, die sie nicht verursacht haben: den ArbeitnehmerInnen. Die Gewerkschaftsjugend hat sich genau diese soziale Unruhe nun auf die Fahnen geschrieben.

Junge Leute seien "der große Verlierer dieser Krise", wie die letzten Monate gezeigt hätten, sagt Grünefeld: "Und deshalb stehen wir hier und fordern eine wirkliche Erneuerung, hin zu einer Gesellschaft, in der die Jugend Perspektiven und eine Zukunft hat."

Einen Gewinner gibt es aber an diesem Tag auf jeden Fall: die Gewerkschaftsbewegung. Der EGB hatte mit 200.000 TeilnehmerInnen an den insgesamt europaweit vier Orten – Madrid, Brüssel, Prag und Berlin – gerechnet. Gekommen sind mehr als 350.000.
Manch einer könnte sich aber durchaus noch mehr Engagement vorstellen: Barbara Marx, stellvertretende Vorsitzende der österreichischen Gewerkschaftsjugend, die in Prag dabei ist, hatte auf einen kämpferischeren Auftritt gehofft: "Die Demo in Prag war, kein Zweifel, gut organisiert vom Startpunkt bis zur Kundgebung. Große politische Visionen für die Zukunft Europas oder der internationalen ArbeiterInnenbewegung gab es aber nicht, obwohl ich mir das schon sehr gewünscht hätte."

Auch in Berlin konnte man noch während der Veranstaltung kritische Töne vernehmen: "Hunderttausend sind noch nicht genug, wir müssen Millionen werden", sagte der IG BAU-Chef Klaus Wiesehügel. Er mahnte an, man solle in den Betrieben für mehr Widerstand sorgen.

Druck ist nötig, meint auch die DGB-Jugend – und hat die Zeit nach den EGB-Aktionstagen genutzt: Auf der Sitzung des Bundesjugendauschusses am 3. und 4. Juni 2009 in Steinbach haben die Delegierten im Vorfeld und zur Unterstützung des Bildungsstreiks vom 15. bis 19. Juni 2009 ein Zehn-Punkte-Programm für eine gemeinsame nationale Bildungsstrategie, abgestimmt zwischen Bund, Ländern und Kommunen, verabschiedet. Kernpunkt: Ungleichheit bei der Verteilung von Chancen muss dringend bekämpft und ein sozial gerechtes und qualitativ gutes öffentliches Bildungswesen aufgebaut werden. "Auf jeder Stufe unseres Bildungswesens muss es Rechtsansprüche geben – bis hin zum Recht auf Aus- und Weiterbildung", heißt es in der Erklärung.

"Wer Bildungsarmut bekämpfen will, muss soziale Barrieren abbauen", sagt DGB-Bundesjugendsekretär René Rudolf. Ohne die Umsetzung des Menschenrechts auf Bildung lasse sich soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit in Deutschland nicht erreichen.


(aus der Soli aktuell 6/09, Autor: Soli aktuell)