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Übernahme wird schwierig


Was die Finanzkrise für junge Leute bedeuten könnte, sagt der Leiter der Projektgruppe "Prekäre Beschäftigung" Johannes Jakob von der DGB-Abteilung Arbeitsmarktpolitik.

Soli aktuell: Angesichts der Finanzmarktkrise und der negativen Wirtschaftsprognosen werden neue Zumutungen auf die Beschäftigten zukommen. Womit ist zu rechnen?

Johannes Jakob: Wenn es tatsächlich zutrifft, dass die Wirtschaft 2009 ein Minuswachstum von zwei bis vier Prozent erleben wird, wie einige Wissenschaftler und Bankenvertreter vermuten, hat das natürlich Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Die Gewerkschaften werden Wert auf sozialverträgliche Abfederungen legen müssen. Erstes Ziel muss sein, Entlassungen zu vermeiden. Für Auszubildende müssen Lösungen gefunden werden, dass sie nach der Ausbildung in Beschäftigung kommen – das bedeutet: Übernahme nach der Ausbildung, notfalls auch vorübergehend in Teilzeit. Zum Teil besteht nach dem Tarifvertrag ein Anspruch. Eine weitere Prekarisierung von Arbeit gerade für junge Menschen muss aber unter allen Umständen vermieden werden.

Die ist allerdings schon ganz ohne Krise in vollem Gange, wie die Sonderauswertung Junge Beschäftigte des DGB-Index Gute Arbeit ergeben hat. Danach sind sie jetzt schon die Verlierer auf dem Arbeitsmarkt. Werden die Unternehmen die Finanzkrise zu Rationalisierungen nutzen?

Das gilt es zu verhindern. Die Krise zeigt schließlich, dass die bisherigen Rezepte für den Arbeitsmarkt zu Fehlentwicklungen geführt haben.

Die Gewerkschaften freuen sich also?


Natürlich nicht! Aber wir haben immer vor zuviel Deregulierung gewarnt. Wir sind für mehr Mitbestimmung eingetreten und dafür, dass Arbeit durch Tarifverträge sozial abgesichert ist. Dies wird an Bedeutung gewinnen. In der Wirtschaft gibt es nicht nur "schön Wetter", da ist es gut, wenn man die Gewerkschaften im Rücken hat – das gilt natürlich auch für die jungen Beschäftigten.

Welche Maßnahmen sehen die Gewerkschaften speziell für das Thema prekäre Arbeit Jugendlicher vor?

Junge Menschen brauchen Perspektiven, soziale Sicherheit und geregeltes Einkommen. Deswegen müssen wir darauf hinarbeiten, dass befristete Beschäftigung und Leiharbeit zurückgedrängt werden. Hiervon sind in hohem Maße Jugendliche betroffen. Die Betriebsräte können zum Beispiel Quoten vereinbaren, um die Zahl der Leiharbeiter zu senken.

Wer in der Ausbildung ist, sollte sicher vor den Auswirkungen der Krise sein, oder?

Beim derzeitigen Stand kann man davon ausgehen, dass die, die einen Ausbildungsvertrag haben, auch die Ausbildung beenden werden. Die kritische Phase tritt danach ein – wenn die Übernahme ansteht. Da werden die Unternehmen vermutlich große Zurückhaltung üben.

Finanzkrisen gibt es immer mal – was ist an dieser besonders?

Das Neue ist, dass sie viele Länder gleichzeitig betrifft. Deswegen wollen die Regierungen ja auch koordiniert gegensteuern. Aus meiner Sicht sind die bisherigen Maßnahmen aber zu zögerlich. Es muss sicher noch mehr in die Infrastruktur investiert werden, aber auch in Ausbildung, Weiterbildung und ökologische Erneuerung.

Wenn ich jetzt Schulen renoviere – was hat das mit der Finanzkrise zu tun?

Dass der Handwerker, der die Schule renoviert, erstens Arbeit hat und zweitens Material kauft, das er verarbeitet. Das schafft wiederum Arbeitsplätze, Geld kommt in den Kreislauf. Jeder Euro, der zusätzlich ausgegeben wird, stärkt die Wirtschaft. Allerdings wird sich das bei den derzeit genannten Zahlen für öffentliche Investitionen in Grenzen halten. Wir fordern daher für 2009 ein Konjunkturprogramm im Volumen von mindestens 60 Milliarden Euro.

Sollte man auch privat sein Geld aus dem Fenster werfen?

Wer konsumieren kann, sollte dies tun – wenn Bedarf besteht. Dazu ist es sinnvoll die unteren Einkommen zu entlasten. Damit der Konsum nicht noch stärker einbricht, kann man zusätzlich mit Konsumgutscheinen nachhelfen.

Gab es bei dem – hauptsächlich von Jugendlichen getragenen – Protest in Griechenland einen Zusammenhang mit der ökonomischen Entwicklung?

Ich sehe in den Protesten in Griechenland einen ersten Ausdruck dafür, dass sich die Jugend wehrt. Prekarisierungstendenzen gibt es ja im Prinzip in jedem Land in Europa – nur in verschiedener Ausprägung. Ob es auch in anderen Ländern zu gewalttätigen Ausbrüchen kommt, wird sehr davon abhängen, ob die Jugend das Gefühl hat, dass sie Sonderlasten trägt, also die Deregulierung und Prekarisierung vor allem auf ihrem Rücken ausgetragen wird.

Auch in Deutschland?


Abwarten.


(aus der Soli aktuell 1/09, Interview: Soli aktuell)



Zusatzinfos: Gewerkschaftliches Konjunkturprogramm, DGB und Finanzkrise

Für die aktuelle Finanzkrise hat der DGB im Dezember 2008 ein Konjunktur- und Wachstumsprogramm mit einem Volumen von rund 60 Mrd. Euro präsentiert. Das entspricht 2,5% des Bruttoinlandsprodukts. Die nötigen Mittel sollen über Kredite aufgebracht werden, könnten sich aber auch bis zu 50% selbst finanzieren, weil jede investive Verschuldung Wachstum und Beschäftigung hervorbringt.

Öffentliche Investitionen soll es in folgenden Bereichen geben: Bildung (10 Mrd.), kommunale Programme (7 Mrd.), Krankenhausmodernisierung (5 Mrd.), Umwelt (4,3 Mrd.) und Verkehrsinfrastruktur (3 Mrd.).

Zur Stärkung des Konsums schlägt der DGB die Aufstockung der Hartz IV-Regelsätze um 70 Euro für Erwachsene und um 30 Euro für Kinder ab sofort vor. Parallel dazu soll das steuerfreie Existenzminimum auf 8.500 Euro angehoben werden (Volumen: 14 Mrd.).

Zum einmaligen Anschub der privaten Nachfrage plädiert der DGB für die Ausgabe von Konsumschecks in Höhe von 250 Euro für Personen ab dem 16. Lebensjahr mit einem jährlichen Höchsteinkommen von 35.000 Euro (Volumen: 13 Mrd.).