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Unglaublich gewirbelt


"Ausbildung für alle" im April 2008: SchülerInnen übergeben in Berlin die Unterschriften für die Petition zum Grundrecht auf Ausbildung.

Mein Bruder ist zur Zeit auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Ich sehe, was da los ist. Ich denke, Aktionen wie diese sind wichtig, um das Thema Ausbildung in der Politik zu halten", sagt Monika von der Landesschülervertretung (LSV) Hessen.

Monika ist an diesem 22. April 2008 mit vielen anderen Schülervertretern angereist, weil sie einen Termin hat: beim Bundestag. Mit Abgeordneten.

Damit sie nicht mit leeren Händen da steht, hat sie etwas mitgebracht: exakt 72.544 Unterschriften. Sie sind von ihr und den anderen Aktivisten der Initiative "Ausbildung für alle" gesammelt worden, die vom DGB und seinen Mitgliedsgewerkschaften getragen wird.

Das Anliegen: Das Recht auf Ausbildung soll im Grundgesetz verankert werden. Sind genug Unterschriften zusammen, muss sich der zuständige Ausschuss des Bundestages mit dem Anliegen beschäftigen. Dazu reichen 60.000 Unterschriften.

Die Auftaktkundgebung ist am Berliner Alexanderplatz. Die SchülerInnen haben Transparente mitgebracht und geben Interviews. "Dies ist eine Aktion von Jugendlichen, mit Jugendlichen, für Jugendliche", sagt Moderatorin Katharina Horn.

Maßgeblich angestoßen wurde das Petitionsvorhaben von Kaweeh Mansoori, auch er Sprecher der LSV Hessen. "Eigentlich müsste es bei der guten wirtschaftlichen Lage genug Ausbildungsplätze geben", sagt er. "Aber so ist es nicht."

Der Skandal, dass der Ausbildungsplatzmangel bis zu eine Million Jugendliche in Mitleidenschaft ziehe, dass man von 300.000 Altbewerbern spreche, die gerade mal 20 Jahre alt seien, "der kommt heute zum Ausbruch", meint Kaweeh. "Denn Ausbildung entscheidet über die Lebensplanung." Keine Ausbildung, keine Zukunft. "Und damit keine Chance auf berufliche und gesellschaftliche Teilhabe."

Wie es ist, von dieser Notlage betroffen zu sein, erzählt Daniela aus Hessen. Erst hat sie zwei Jahre nach einem Ausbildungsplatz gesucht und 50 Bewerbungen geschrieben. Dann verschwand sie in einer "Maßnahme" zur Verbesserung der Ausbildungsfähigkeit. Anschließend wieder 50 Bewerbungen ohne Erfolg. "Mein Traumberuf? Das ist jetzt nicht mehr so wichtig."

Schon 1980 hat das Bundesverfassungsgericht beschlossen, dass 112 Prozent Ausbildungsplätze zur Verfügung stehen müssen, damit eine freie Wahl besteht.

Die Realität: Nicht mal mehr ein Viertel der deutschen Unternehmen bildet überhaupt noch aus. Vom "Fachkräftemangel" zu reden, zur Zeit ein beliebtes Schlagwort in der Arbeitsmarktdiskussion, sei bei dieser Ausbildungsbereitschaft überflüssig, glauben die SchülerInnen.

Julian sagt, dass die Gewerkschaften sie stark unterstützt hätten: "In Mainz hat uns der DGB ein Büro zur Verfügung gestellt." Mit dem Bildungsministerium habe es "starke Differenzen" gegeben. "Wir sind keine Wähler", erzählt Julian, "da kann man uns unter den Tisch fallen lassen."

Stefanie Odenwald von der GEW sagt: "Die LSV hat unglaublich gewirbelt, die waren überall sehr aktiv. Dies muss ein Signal an die Politiker sein. Es kann nicht sein, dass es nach neun oder zehn Jahren Schule heißt: 'Ihr seid nicht ausbildungsfähig.'"

"'Ausbildung für alle' ist und wird weiterhin Schwerpunkt unserer Arbeit sein", sagt René Rudolf, DGB-Bundesjugendsekretär. "Mit den Unterschriften können wir uns sehen lassen."

Welche Chancen hat nun die Petition? Unter großem Medieninteresse werden die Unterschriften vor dem Reichstag an Abgeordnete aller Parteien mit Ausnahme der FDP übergeben. "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut", skandieren die SchülerInnen.

SPD-Vize Andrea Nahles ist gar Erstunterzeichnerin. Sie sichert ihre Unterstützung zu und verweist auf das Bonusprogramm der Bundesregierung. 100.000 benachteiligte Jugendliche sollen damit eine Chance erhalten. Die Gewerkschaften sind nicht so begeistert: Ausbildung dürfe nicht durch staatliche Sonderprogramme gewährleistet werden, die Unternehmen müssten sie endlich als ihr Anliegen begreifen.

Zur Übergabe sind auch Werner Dreibus, Nele Hirsch (beide Die Linke), Annette Kramme und Katja Mast (SPD) gekommen. "Wir bilden selbst aus", bekunden sie. Marcus Weinberg, Abgeordneter der CDU sagt: "Ich mache keinen Hehl draus, dass die CDU da mehr konstruktiv vorgeht."

Weinberg verweist darauf, dass seine Partei in seinem Heimatort Hamburg spezielle Ausbildungsmodelle entwickelt hat. Weinberg: "Ich bilde vielleicht nächstes Jahr auch selbst aus."

Joseph Winkler (Grüne) und Swen Schulz (SPD) sichern die korrekte Behandlung der Petition im zuständigen Ausschuss zu. Die Unterschriften werden in Schulz’ Büro lagern.

"Schön, dass sie alle ausbilden", sagt Kaweeh zum Schluss – bevor er mit den anderen in der Berliner Innenstadt Abreißzettel mit Ausbildungsgesuchen kleben geht. "Aber ein Ausbildungsplatz reicht nicht. Ausbildung muss allen zugänglich sein."

Eine Mahnung in Sachen Ausbildung könnt ihr jetzt direkt an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mailen: www.ausbildung-fuer-alle.de/post_fuer_angela


(aus der Soli aktuell 5/08, Autor: Soli aktuell)