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Perspektive statt Zwang


Angebliche Jugendgewalt mag sich für Wahlkämpfe schon nicht besonders eignen. Gewerkschafter thematisieren lieber soziale Ursachen und harte Daten. Denn Deutschland hat ein Bildungsproblem.

Perspektiven für Jugendliche statt Erziehungslager« – so fasst die ver.di-Jugend die Debatte um angebliche Jugendgewalt der letzten Wochen zusammen. Diese Diskussion lenke von wirklich drängenden Problemen der Jugendlichen ab – der jungen Generation fehle es in erster Linie an Perspektiven.

Was die Zukunftschancen von Migrantenkindern angeht, kommt auch die letzte Pisa-Studie vom 4. Dezember 2007 zu einem ähnlichen Ergebnis: Von allen Ländern, die bei der Studie teilgenommen haben, ist Deutschland weiterhin das Land mit den stärksten migrationsbedingten Unterschieden, insbesondere bei den Jugendlichen der so genannten zweiten Generation: Obwohl sie in Deutschland geboren sind, sind die Leistungen dieser Jugendlichen schlechter als die ihrer erst kürzlich zugewanderten Mitschüler.

Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes besuchten 2007 von den Ausländern an Deutschlands allgemeinbildenden Schulen nur zwölf Prozent ein Gymnasium. Dagegen gingen etwa 20 Prozent zur Haupt- und elf Prozent zur Realschule. Zum Vergleich: Von den deutschen Schülern waren 28 Prozent auf dem Gymnasium, jedoch nur neun Prozent auf der Hauptschule.

Nicht nur in der Schule, sondern auch auf dem Ausbildungsstellenmarkt sind Migranten benachteiligt, wie die IG Metall im Januar 2008 in ihrer jüngsten Auswertung des Geschehens auf dem Ausbildungsstellenmarkt belegt.

Im September 2007 hatten 295.417 junge Menschen keinen betrieblichen Ausbildungsplatz. Jugendliche mit Migrationshintergrund sind davon überdurchschnittlich betroffen. (vgl. diesen Artikel der Soli 1/08)

41 Prozent von ihnen haben keine Berufsausbildung, während dieser Anteil bei gleichaltrigen Deutschen nur bei 15 Prozent liegt. Allein zwischen 1994 und 2005 hat sich die Zahl der Auszubildenden aus Migrantenfamilien halbiert, obwohl ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung weitgehend konstant geblieben ist.

»Verwunderlich ist dann auch nicht, dass jeder zweite Altbewerber aus einer Migrantenfamilie stammt«, stellt die DGB-Jugend fest. 55 Prozent der Bewerber aus Migrantenfamilien sind Altbewerber (ohne Migrationshintergrund 45 Prozent).

Die schwierige Lage auf dem Ausbildungsstellenmarkt trifft also Bewerber mit Migrationshintergrund besonders: Von den 182.000 Suchenden mit Migrationshintergrund im Jahr 2006 haben nur 52.500 eine betriebliche duale Ausbildung begonnen. Von den Bewerbern ohne Migrationshintergrund finden 40 Prozent einen betrieblichen Ausbildungsplatz, von denjenigen mit Migrationshintergrund nur 29 Prozent.

Das bedeutet: Weniger als ein Drittel der Bewerber mit Migrationshintergrund gelangt in das duale Berufsausbildungssystem. Fast genauso viele Bewerber mit Migrationshintergrund, 28 Prozent, sammeln sich in Warteschleifen, die nicht zu einem Berufsabschluss führen.

Selbst ein wiederholter Besuch z.B. einer berufsvorbereitenden Maßnahme, die die schulischen Voraussetzungen verbessert, trägt eher zur Verfestigung der Übergangsprobleme bei, ohne dadurch die Aussicht auf eine abschlussbezogene berufliche Qualifizierung deutlich zu erhöhen.

Die schwierige Situation an der Schnittstelle Schule – Ausbildung zeigt sich auch darin, dass 22 Prozent der Bewerber mit Migrationshintergrund nicht einmal in eine Grundbildung einmünden, sondern arbeitslos sind oder jobben – deutlich häufiger als diejenigen ohne Migrationshintergrund.

Fazit: Die Ausbildungschancen junger Menschen mit Migrationshintergrund haben sich im vergangenen Jahrzehnt überproportional verschlechtert. Geplante Ausbildungssubventionen bleiben zweifelhaft, die Umlage-Finanzierung gehört auf die Tagesordnung. »Junge Menschen mit Migrationshintergrund«, schreibt die IG Metall äußerst kritisch, »sind noch kein integraler Bestandteil des Bildungssystems.«

Um Schülern aus Familien mit Migrationshintergrund oder aus sozial schwachen Familien bessere Zukunftschancen zu bieten, fordert die DGB-Jugend schon seit langem das Ende des selektiven Schulsystems und den Aufbau einer Schulform, in der starke und schwache Schüler zusammen lernen.

Der Bericht der IG Metall im Internet, siehe hier.


(aus der Soli aktuell 2/08, Autor: Soli aktuell)