Aufschwung hin oder her: Lehrstellenbewerber leiden unter regionalen Besonderheiten.
Eigentlich müsste die vermeintlich günstigere Angebotssituation in den Ballungszentren für bessere Vermittlungschancen der Jugendlichen in den Großstädten sprechen – mehr Betriebe, mehr Auswahl. Aber genau das Gegenteil ist der Fall: Mit zunehmender Einwohnerdichte gehen die Vermittlungsquoten kontinuierlich zurück. Wieso?
Nach Zahlen des Bundesinstitutes für Berufsbildung (BiBB) bekamen 2007 in den ländlichen Regionen mit weniger als 100 Einwohnern je Quadratkilometer immerhin 52,4 Prozent der gemeldeten Bewerber eine Lehrstelle, während es in den Ballungsräumen mit mehr als 1.000 Einwohnern nur 35,5 Prozent waren. Umgekehrt galt: Mussten in den ländlichen Regionen noch für 12,1 Prozent der gemeldeten Bewerber die Vermittlungsbemühungen fortgeführt werden, lag die Quote in den Ballungszentren bei 17,4 Prozent.
Die im Schnitt geringeren Einmündungsquoten in den Ballungsräumen sind ein Phänomen, das bereits in den vergangenen Jahren auftrat. Doch hat sich der Abstand zwischen den Vermittlungsquoten in den ländlichen und großstädtischen Regionen im Jahr 2007 noch einmal deutlich zu Lasten der Ballungszentren verschlechtert.
Wie die Bewerberbefragung 2006 von BiBB und Bundesagentur für Arbeit (BA) zeigt, bilden die bei der BA gemeldeten Bewerber trotz ihrer gemeinsamen grundsätzlichen Eignung für eine Berufsausbildung eine relativ heterogene Gruppe. Beträchtliche Differenzen gibt es im Hinblick auf das Alter und auf den Anteil der Bewerber mit Migrationshintergrund.
Die in den Ballungsräumen gemeldeten Bewerber sind im Schnitt wesentlich älter. Nach den Ergebnissen der Befragung waren in den Regionen mit einer Einwohnerdichte von mehr als 1.000 über 40 Prozent der Bewerber 20 Jahre und älter, während nur etwa ein Viertel noch nicht die Volljährigkeit erreicht hatte. In den dünner besiedelten Regionen mit weniger als 100 Einwohnern/Quadratkilometer verhielt es sich umgekehrt: Hier waren insgesamt nur 27 Prozent der gemeldeten Bewerber mindestens 20 Jahre alt, während 41 Prozent noch nicht volljährig waren.
In den ländlichen Regionen mit geringer Einwohnerdichte gibt es eine ausgeprägte Bereitschaft zur regionalen Mobilität. In der BA/BIBB-Bewerberbefragung 2006 gaben 47 Prozent der Bewerber aus den Regionen an, sich auch auf Lehrstellen beworben zu haben, die mehr als 100 Kilometer vom Heimatort entfernt lagen. In den Großstädten waren es dagegen nur 19 Prozent – obwohl die Bewerber der Ballungszentren im Schnitt älter sind und damit auch bessere Voraussetzungen für eine weiträumige Mobilität mitbringen.
Mit dem höheren Lebensalter der Bewerber in den Ballungszentren korrespondiert ein höherer Altbewerberanteil: 46 Prozent der städtischen Bewerber gaben an, sich bereits einmal für einen früheren Ausbildungsbeginn beworben zu haben, doch nur 36 Prozent in Regionen mit einer Einwohnerdichte unter 100.
»Es gilt das ungeschriebene Gesetz, dass Abschlüsse in den Augen der Unternehmen immer weniger wert werden, wenn Wissen lange nicht angewendet wurde«, sagt Marco Frank, Ausbildungsexperte der DGB-Jugend.
Dabei liegt der Anteil der gemeldeten Bewerber mit Migrationshintergrund bei etwa elf Prozent in den ländlichen und mehr als einem Drittel in den stark besiedelten Regionen.
18 Prozent der Kinder aus Einwandererfamilien brechen die Schule vorzeitig ab. Nur 23 Prozent der migrantischen Jugendlichen mit Hauptschulabschluss, das verzeichnet ein aktueller Bericht der Bundesregierung, können einen Ausbildungsplatz ergattern.
Alter, Bildung und Herkunft können also zum Problem werden – Frank rät daher dringend zum Gegensteuern: »In Deutschland spricht man schon von einer ›Bugwelle‹ von mehr als 300.000 Jugendlichen, die sich Jahr für Jahr wieder hinten anstellen. Gerade sie müssten von den Agenturen für Arbeit bevorzugt vermittelt werden und unterstützende Angebote erhalten.«
Die BiBB-Untersuchung im Internet:
www.bibb.de/de/30703.htm(aus der Soli aktuell 1/08, Autor: Soli aktuell)