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Europa: In jedem Land die gleichen Probleme
Das Sozialforum als transnationales Medium. Malmö und die Gewerkschaftsjugend. Von Michael Teumer
Herumspringende Kolleginnen aus Belgien neben fahnenschwenkenden Gewerkschaftsjugendlichen aus Deutschland, zwischendurch Attac-Parolen auf französisch und kurz dahinter Greenpeace-AktivistInnen aus Norwegen: Momentaufnahmen bei der zwar vier Stunden dauernden, aber höchst lebendigen Abschlussdemo des Europäischen Sozialforums (ESF) in Malmö vom 17. bis 21. September 2008. Motto: "Another World ist possible."
"Es ist schon bemerkenswert, dass beim ESF trotz unterschiedlicher Ansätze das große Interesse an solidarischem Umgang zum Vorschein kommt", sagt Stefan Fulz. Er ist für die IG Metall Leipzig hier.
Wie er sind rund 15.000 Menschen – nicht nur – aus allen europäischen Teilen der Welt angereist, um sich in ca. 260 Workshops zu vernetzen und um häufig ähnlich gelagerte Probleme zu diskutieren: Perspektivlosigkeit, Sozialabbau, Zunahme der Prekarität, Vernachlässigung des Arbeitsschutzes, Privatisierung des öffentlichen Sektors und Mängel im Bildungssystem.
In Deutschland war das Interesse am ESF dieses Jahr besonders groß, sodass DGB-Bundesjugendsekretär René Rudolf eine positive Bilanz ziehen kann: "Das ESF war für die Gewerkschaftsjugend ein toller Erfolg. Alleine aus Deutschland konnten 250 junge Kolleginnen und Kollegen nach Malmö mobilisiert werden."
Damit die hohe Jugendbeteiligung zustande kam, gab es einige Neuerungen – etwa ein extra von Gewerkschaftsjugenden aus acht verschiedenen Ländern eingerichteter "Jugendraum". Hier ging es in sechs Workshops speziell um die Probleme junger Menschen. Themen wie Bildungszugang, Arbeitsmigration und das umstrittene Flexicurity-Konzept wurden diskutiert – Motto: "Together we stand, divided we fall".
Sogar aus Brasilien und Venezuela waren junge Interessierte angereist. Der Grund: Gemeinsamkeiten. "In jedem Land gibt es ähnliche Probleme", sagt Luc Wendelen von der belgischen Dienstleistungsgewerkschaft ABVV. Da sei es gut zu wissen, wie andere junge GewerkschafterInnen arbeiten.
Wie die das machen, das stand auf der Agenda des Organising-Workshops – denn der Organising-Ansatz ist mit seiner Teilnehmerorientierung besonders dazu geeignet, prekär beschäftigte junge Menschen anzusprechen. Aber auch über den Jugendraum hinaus gab es Diskussionen: So konnten etwa die Klima- und Gewerkschaftsgruppen ihre konträren Ansichten klären.
Auch wenn das ESF vor allem der Vernetzung dient – konkrete Proteste wurden dennoch beschlossen: So ist für den 6. Dezember 2008 eine Aktion in Paris geplant, um Druck auf die Regierung Frankreichs auszuüben, die derzeit die EU-Ratspräsidentschaft führt. Im Fokus stehen die EU-Direktiven zu Arbeitszeit und Arbeitsmigration. Diese Aktion ist Teil einer gemeinsamen europäischen Kampagne gegen die Sozial- und Arbeitspolitik der EU.
Kritik gab’s auch in Malmö – an Malmö. Das ESF bringe letztlich zu wenig Konkretes, mit sichtbaren Erfolgen tue man sich schwer. Und der Veranstaltungsort? Zu kalt, zu nass, zu weit weg. "Das ESF ist kein Ziel, es ist ein Medium", konterte Céline Gillier-Amrouche von der französischen CFDT. Kontakte knüpfen, um gemeinsame Probleme zu besprechen, sei in einer globalisierten Welt nun mal immer wichtiger. Als Aktivistin gegen die arbeitnehmerfeindliche Politik des transnational agierenden EADS-Konzerns kann sie davon ein Lied singen. Aktionen der Arbeitnehmer-Organisationen über Ländergrenzen hinweg könnten ganz schnell an Koordinationsmängeln eingehen, warnte sie.
Aber: "Erstmal geht es jetzt darum, die Erfahrungen vom ESF zurück in die Bewegungen zu Hause zu tragen", sagt IG Metall-Mann Fulz. Schließlich hätten die jungen GewerkschafterInnen, die aus Deutschland nach Schweden gekommen seien, viel lernen können.
Und für das nächste ESF in Istanbul 2010 gibt es schon jetzt viele InteressentInnen und mögliche Partner für Aktionen auf europäischer Ebene.
Aus der Soli aktuell 10/08, Autor: Michael Teumer - nahm als Mitglied der DGB-Jugend-Delegation am ESF teil.