Der Vorsitzende der
KDV-Zentralstelle zur Abschaffung der Wehrpflicht
Wir können schon lange auf den Zivildienst verzichten. Alle Aufgaben im
sozialen Bereich, die heute durch Zivis erledigt werden, können nämlich
auch von tariflich bezahlten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
übernommen werden, ohne dass es teurer wird. Voraussetzung ist nur,
dass der Staat die hohen Subventionen, die er beim Wegfall des
Zivildienstes einspart, weiter für soziale Aufgaben einsetzt.
Jeder Zivi wird heute vom Staat mit 20.000 Mark im Jahr subventioniert.
Dabei nehmen viele Zivis anderen de facto die Arbeitsplätze weg. 90.000
Arbeitsplätze sind so blockiert. Der Zivildienst war zwar anfangs eine
wichtige Hilfe, hat Modellversuche ermöglicht und Missstände
aufgedeckt, aber inzwischen hat er seine Pflicht getan.
Zivildienst ist der Ersatzdienst der Kriegsdienstverweigerer. Er steht
und fällt mit der Wehrpflicht – nicht umgekehrt. Auch die Wehrpflicht
ist nicht mehr nötig. Die Mehrheit der Verbündeten verzichtet auf sie.
Eine Bedrohung Deutschlands gibt es nicht. Viele beklagen, dass
deutsche Berufsanfänger zu alt sind. Das kommt auch vom Wehr- oder
Zivildienst, den konkurrierende Länder nicht haben.
Viele junge Männer haben berufliche Nachteile. Vor dem Wehr- oder
Zivildienst finden sie keine feste Arbeit, weil die Arbeitgeber die
Unterbrechung durch den Dienst fürchten. Hinterher ist ihr Wissen
überholt wie in IT-Berufen oder sie sind aus der Übung, was bei
Künstlern und manchen anderen fatal ist. Und wer sich selbstständig
gemacht hat, steht nach dem Wehr- oder Zivildienst oft vor der Pleite.
Kann man auf Wehrpflicht und Zivildienst verzichten? Ja! Im
Grundgesetz, in zwei Übereinkommen der Internationalen
Arbeitsorganisation (ILO) und in den Menschenrechtskonventionen ist die
Berufsfreiheit der Normalfall. Zwangs- und Pflichtdienste sind
verboten, mit Ausnahme von Wehr- und Ersatzdienst. Das Grundgesetz sagt
nur, dass der Gesetzgeber die Wehrpflicht regeln darf, sie aber nicht
regeln muss. Sie sollte auf Ausnahmesituationen begrenzt werden. Von
einer solchen Ausnahmesituation sind wir aber weiter entfernt denn je.
Zu aktuellem Unrecht wird alles, wenn – wie es derzeit aussieht – die
Bundeswehr nur noch höchstens 60 Prozent der verfügbaren
Wehrpflichtigen einberuft, zum Zivildienst aber alle
Kriegsdienstverweigerer geholt werden sollen. Damit gibt es keine
Wehrgerechtigkeit und die Zivis werden zusätzlich benachteiligt. Das
ist ein aktueller Grund, auf die Wehrpflicht zu verzichten. Sie kann
nicht mehr gerecht organisiert werden. Wir sollten den Zivis für ihre
Arbeit danken und möglichst bald auf verzichten.
(aus der Soli aktuell 10/00)