(dgb-jugend, 15. Dezember 2010)
Jugendwohnen ist ein zentraler Baustein des Ausbildungsstellenmarktes,
sagt Forschungsleiter Andreas Finke. Vier Jahre hat er die Mobilität
Jugendlicher untersucht. Und hat jetzt konkrete Empfehlungen an die
politischen Akteure.
Herr Finke, Sie sind der Leiter des
Projekts Jugendwohnen, ein auf vier Jahre angelegtes Forschungsprojekt
des Bundesjugendministeriums. Wer nimmt Jugendwohnen in Anspruch?Azubis,
die in ihrer Region keine Ausbildungsstellen finden. Blockschüler, die
mehrere Wochen am Stück fünf Tage die Woche Berufschulunterricht haben.
Junge Menschen in überbetrieblichen Ausbildungsabschnitten. Individuell
Benachteiligte, die zum Beispiel aufgrund von Schwierigkeiten mit dem
Elternhaus im schulischen Werdegang beeinträchtigt sind. Im veränderten
Umfeld des Jugendwohnens kommen sie mit pädagogischer Begleitung mit
Sicherheit besser zurecht. Außerdem Schüler der großen Internate der
Berufsbildungswerke und – immer mehr – unbegleitete minderjährige
Flüchtlinge, die ein gutes Sprungbrett in die berufliche und soziale
Integration benötigen.
Ist das Angebot kostenpflichtig?
Das
ist unterschiedlich. Wenn das Jugendamt dem jungen Menschen den Platz
empfiehlt, zahlt es auch. Wenn der Azubi oder der Berufsfachschüler
anfragt, zahlt der Azubi selbst. Sie erhalten dann aber Zuschüsse zur
Finanzierung des Kostensatzes: der Azubi Berufsausbildungsbeihilfe von
der Arbeitsagentur, der Berufsfachschüler beantragt BAföG.
Vertreter
von Politik und Wirtschaft werden nicht müde zu betonen, wie wichtig
Mobilität sei, wenn es um Ausbildung geht. Fühlen Sie sich ausreichend
gewürdigt?
In dem Moment, wo Ausbildungspaktpartner an die
Jugendlichen appellieren, sie müssten mobil sein, ohne geeignete
Rahmenbedingungen wie Jugendwohnen zu fördern, ist das zu schnell
formuliert. Was ist denn mit dem 16-Jährigen, der zum Berufsberater geht
und dort hört, "Steinmetz kannst du hier im Westerwald nicht werden,
geh doch mal nach Mainz!"
Wie soll der denn mit einer Vergütung
von 380 Euro ein möbliertes Zimmer mieten? Welcher Ausbildungsbetrieb
nimmt ihn? Die werden doch sagen, der kriegt Heimweh und bricht die
Ausbildung ab.
Unsere Erfahrung ist: Jugendwohnen ist die
Rahmenbedingung, um eine Ausbildung fern der Heimat zu ermöglichen. Umso
glücklicher sind wir, dass die Prüfung der Bedeutung des Jugendwohnens
nun fester Bestandteil im aktuellen Ausbildungspakt ist.
Zum April 2011 läuft die Förderung für Ihr Projekt aus. Wie lauten Ihre Empfehlungen?An
die Politik: Die Zuschüsse für nötige bauliche Investitionen an den
Häusern müssen wieder fließen. Viele Einrichtungen haben seit 10, 20
Jahren keine Gelder mehr bekommen. Da muss dringend was getan werden. Am
Markt sind die Preise für das Angebot nicht zu erzielen. Somit braucht
es Unterstützung durch die öffentliche Hand. Es gibt klare Indizien
dafür, dass das Jugendwohnen noch wichtiger wird. Und da muss Klarheit
herrschen, wer bezahlt. Jugendliche verfügen nicht über die Mittel, die
Unterbringung in dem Haus mit Vollverpflegung und pädagogischer
Begleitung aus eigener Tasche zu finanzieren. Also sind sie auf die
öffentliche Hand angewiesen. Der Träger einer Einrichtung des
Jugendwohnens ermittelt mit dem Jugendamt einen Tageskostensatz, die
Jugendlichen kriegen dann entsprechende Zuschüsse. Da gibt’s aber
Klärungsbedarf: Das Bundesarbeitsministerium sollte eindeutig den
Zuschussparagrafen zur Berufsausbildungsbeihilfe klären, damit die
Jugendlichen eine stabile Berechnungsgrundlage haben. Auch das BAföG-Amt
sollte beantworten, welchen Kostenansatz der Jugendliche zugrunde legen
kann. Und die Kultusministerien der Länder sollten die Zuschüsse für
die Blockschüler einheitlich regeln: Man kann nicht Berufsschulen
zentralisieren, ohne die Frage zu klären, wie die Jugendlichen dorthin
kommen sollen. Und wer die Kosten trägt, wenn sie auswärts unterkommen
müssen.
Welche Rolle können DGB und Gewerkschaften beim Jugendwohnen spielen?
Die
DGB-Jugend sitzt im Beirat unseres Projekts. Die Gewerkschaften sind in
den Jugendvertretungen der Betriebe präsent, gehen in Schulen und
kümmern sich um die Belange von jungen Leuten.
Ich halte es für
ganz wichtig, sie gut zu beraten. Wenn sie keine Ausbildungsstelle
finden, muss man ihnen sagen: Mit dem Jugendwohnen habt ihr eine
realistische Möglichkeit, euch in einer anderen Stadt umzusehen. Zum
anderen fände ich es sehr gut, wenn die Experten der Gewerkschaften mit
den Pädagogen in den Wohnheimen Kontakt aufnehmen würden: Der Pädagoge
versteht sich als Schnittstelle zwischen Ausbildungsbetrieb,
Berufsschule, Elternhaus und den Jugendlichen. Der Jugendliche zieht ja
erstmals von zu Hause in eine völlig fremde Umgebung, das muss er
erstmal bewältigen. Auch im Betrieb ist ja alles neu. Da könnte man mit
der Gewerkschaftsjugend viel stärker in einen Dialog über Erfahrungen
treten. Schließlich ist es gut, wenn der DGB die Anliegen des
Jugendwohnens in seine politische Interessenvertretung einbezieht.
Andreas Finke ist Leiter des Forschungs- und Praxisentwicklungsprojekts Jugendwohnen.
Auswärts zu HauseJugendwohnen
ist eine Leistung der Kinder- und Jugendhilfe – gedacht für 14- bis
27-Jährige, die im Rahmen einer beruflichen oder schulischen Ausbildung
oder Eingliederung Unterkunft in einer sozialpädagogisch begleiteten
Wohnform benötigen.
Es gibt in Deutschland über 550 Einrichtungen
mit 60.000 Plätzen in unterschiedlicher Trägerschaft. Zurzeit werden
sie jedes Jahr von 200.000 jungen Leuten in Anspruch genommen. Eine
individuell abgestimmte Begleitung unterstützt die Jugendlichen dabei,
im neuen Alltag klar zu kommen, Kontakt zu anderen Leuten zu finden und
die Ausbildung erfolgreich zu meistern. Obwohl PolitikerInnen die
Mobilität von Azubis jederzeit unterstreichen, fehlen Mittel fürs
Jugendwohnen.
Die Homepage der Jugendwohnheime:
www.auswaerts-zuhause.de(aus der Soli aktuell 12/10, Autor: Jürgen Kiontke)
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Soli aktuell 12/10