(dgb-jugend, 15. April 2011)
Lange dauerte der Kampf der Landesschülervertretung Hessen und ihrer
gewerkschaftlichen UnterstützerInnen für ein Grundrecht auf Ausbildung.
Die Regierungskoalition beförderte dennoch 72.554 Unterschriften in den
Papierkorb. Soli aktuell dokumentiert das Fazit der engagierten
SchülerInnen.
Der Ausbildungsplatzmangel gehört wie die anhaltend
hohe Massenarbeitslosigkeit seit über einem Jahrzehnt zu einem der
zentralen Probleme unserer Gesellschaft. Alle Vereinbarungen zwischen
Wirtschaft und Politik (Ausbildungspakte) sowie Notprogramme der
Regierung blieben weitgehend wirkungslos. Versuche, die dritte
Ausbildungsplatzkrise mit einem Gesetz zur Umlagefinanzierung der
Ausbildung zu beenden, sind 1998, 1999 und 2004 im Bundestag
gescheitert.
Vor diesem Hintergrund reifte die Einsicht, dass
eine Berufsausbildung ihrer Bedeutung nach für die Lebensgestaltung des
Einzelnen wie für die Gesellschaft insgesamt grundsätzlich als
Rechtsanspruch bestehen sollte. So beschlossen im Jahr 2006 verschiedene
Landesschülervertretungen und der DGB eine Initiative zur Verankerung
des Rechts auf Ausbildung im Grundgesetz.
Eine im Herbst 2007 im
Rahmen der Kampagne "Ausbildung für Alle" gestartete
Unterschriftenaktion für eine Petition an den Deutschen Bundestag wurde
ein großer Erfolg: Im
April 2008
konnte das Bündnis aus Landesschülervertretungen und Gewerkschaften dem
Bundestag 72.554 Unterschriften mit der Forderung nach einem Grundrecht
auf Ausbildung übergeben.
Dies war eine der größten Petitionen
der vergangenen Jahre und die größte Petition zum Thema Ausbildung in
der Geschichte der Bundesrepublik. Bei der Übergabe der Unterschriften
äußerten sich Abgeordnete aller im Bundestag vertretenen Parteien mit
Ausnahme der FDP vor laufenden Kameras sehr anerkennend über das
Engagement der Jugendlichen – und bekundeten, das Anliegen aktiv zu
unterstützen.
Trotz einer weiterhin dramatischen Lage auf dem
Ausbildungsstellenmarkt wurde das Petitionsverfahren über zweieinhalb
Jahre verschleppt. Am 13. Oktober 2010 lag das abschließende Ergebnis
auf dem Tisch: In der Beschlussempfehlung für den Bundestag heißt es:
"Vor diesem Hintergrund sieht der Petitionsausschuss die gemeinsamen
Anstrengungen von Bundesregierung und Wirtschaft im Ausbildungspakt als
erfolgreich an; Anlass für parlamentarische Initiativen im Sinne der
Petition besteht daher nicht. Der Petitionsausschuss empfiehlt, das
Petitionsverfahren abzuschließen."
Im Klartext: Egal was den
Jugendlichen in der Realität widerfährt, solange die Regierung der
Meinung ist, ihre Maßnahmen hätten bisher gefruchtet, bestehe keine
Notwendigkeit, etwas zu ändern.
Nicht nur die Opposition sieht
das erwartungsgemäß anders. Das Anliegen der 72.554 Jugendlichen, Eltern
und BürgerInnen wurde respektlos hintergangen. Damit ist der
"Pisa-Skandal bei der Berufsausbildung" perfekt.
"Der seit 2004
weitgehend wirkungslose Ausbildungspakt wird das Lehrstellenproblem
nicht lösen", sagt Natalie Pawlik, stellvertretende hessische
Landesschulsprecherin und Fachreferentin für Berufsausbildung. "So
befinden sich über 400.000 Jugendliche in einer Warteschleife auf einen
Ausbildungsplatz, 1,5 Millionen Jugendliche sind ohne Berufsausbildung.
Wer wie die Bundesregierung über einen drohenden Fachkräftemangel
jammert und jährlich hunderttausende Jugendliche ausbildungslos auf der
Straße stehen lässt, betreibt reine Heuchelei."
Noch im Mai 2010
hatten die bildungspolitischen Sprecher aller Fraktionen – auch von
CDU/CSU und FDP – versichert, dass das Anliegen der SchülerInnen richtig
und wichtig sei und man eine Anhörung im Petitionsausschuss und eine
Behandlung im Bundestag unterstützen werde.
"Die schwarz-gelbe
Koalition enttäuscht das Vertrauen der Jugendlichen in die Politik
insgesamt, wenn sie vor den Kameras das Problem eingesteht, aber
Initiativen zur Verbesserung im Hinterzimmer begräbt", kritisierte der
hessische Landesschulsprecher Tim Huß.
"Der
Ausbildungsplatzmangel ist ein Offenbarungseid für die gescheiterte
Ausbildungspolitik der letzten Jahre. Es geht hier um die Zukunft und
die gesellschaftliche Teilhabe von Millionen. Vor diesem Hintergrund
muss den betroffenen Jugendlichen schnell geholfen werden", forderte
Huß. Niemand könne es sich leisten, einen nennenswerten Teil der
Gesellschaft "in eine Sackgasse laufen zu lassen".
Die
Landesschülervertretung stellt fest: Der Bundestag hat in seiner
Entscheidung offensichtlich nicht im Interesse der Bevölkerung
gehandelt. "Gerade bei zentralen Problemen wie der Ausbildungsplatzkrise
sollten die Parlamentarier Klientelinteressen zurückstellen und sich
für eine Lösung im Sinne des Gemeinwohls einsetzen", so Huß und Pawlik.
"Die Landesschülervertretung wird sich auch weiterhin für einen
Rechtsanspruch auf Ausbildung stark machen und dabei den Bundestag nicht
aus seiner Verantwortung entlassen."
Die Forderung nach einem
Rechtsanspruch auf Ausbildung bleibt auch weiterhin die Messlatte für
eine fortschrittliche Berufsbildungspolitik, um die seit 1995 andauernde
Lehrstellenkrise endlich nachhaltig zu beenden. Ein in der Verfassung
verankerter Rechtsanspruch auf Ausbildung bedeutet einen fortwährenden
Handlungsauftrag an den Staat, eine qualifizierte Berufsausbildung für
alle Jugendlichen, unabhängig von der konjunkturellen und demografischen
Entwicklung, jederzeit mit einem auswahlfähigen Angebot an
Ausbildungsplätzen sicherzustellen.
Auf die Frage "Wie willst du leben?" gibt es für uns eine klare Antwort: Mit einem Recht auf Ausbildung!
Weitere Informationen zur Ablehnung der Petition und Hintergrundinformationen zur Initiative stehen auf den Internetseiten
www.ausbildung-fuer-alle.de und
www.lsv-hessen.de zur Verfügung.
(aus der Soli aktuell 4/11, Autor: LSV Hessen)
Zur
Soli aktuell 4/11