Top
Ausbildungsreport 2011
Keine Besserung trotz Fachkräftemangel
(dgb-jugend, 14. September 2011) Die Klagen über fehlende Auszubildende
und Fachkräfte werden immer lauter, aber die Schwächen der Ausbildung
werden in einigen Bereichen nicht beseitigt. Zu diesem Ergebnis kommt
der diesjährige Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbundes
(DGB). "Die Auszubildenden von heute sind die qualifizierten Fachkräfte
von morgen. Arbeitgeber haben es selbst in der Hand, Fachkräfte zu
qualifizieren. Aber leider sind die Probleme von Auszubildenden in den
letzten Jahren nicht geringer geworden", erklärte Ingrid Sehrbrock,
stellvertretende DGB-Vorsitzende, zur Veröffentlichung des
Ausbildungsreports 2011 am Mittwoch in Berlin.
In dem
Ausbildungsreport wird die Qualität der Ausbildung anhand verschiedener
Kriterien untersucht, wie zum Beispiel den Arbeitszeiten, der Vergütung
und der fachliche Anleitung. "Der DGB-Ausbildungsreport ist ein
jährlicher Gradmesser für die Qualität in der Ausbildung. Er zeigt, was
gut läuft und wo es noch Schwierigkeiten gibt", erklärte Ingrid
Sehrbrock. Der Ausbildungsreport zeige auch, welche Branchen eine gute
Ausbildung böten und wo es Nachholbedarf gäbe. "Damit bieten wir jungen
Menschen Orientierung und können Missstände aufzeigen", so Sehrbrock.
Kaum Veränderungen im Ausbildungsranking
Im
Ranking der 25 häufigsten Ausbildungsberufe hat sich wenig verändert.
Die besten Beurteilungen für die Qualität der eigenen Ausbildung gab es
erneut von angehenden Bank- und Industriekaufleuten sowie
Mechatronikern. Auf den letzten drei Rängen sind wie im Vorjahr die
Ausbildungsgänge für FachverkäuferInnen im Lebensmittelhandwerk,
Restaurant- und Hotelfachleute gelandet. Die rote Laterne bleibt damit
beim Hotel- und Gaststättengewerbe.
"Das schlechte Abschneiden
des Hotelgewerbes und der Gastronomie ist kein Zufall", erklärte René
Rudolf, Bundesjugendsekretär beim DGB. Schließlich müssten zwei Drittel
der Auszubildenden in der Hotel- und Gastronomiebranche regelmäßig
Überstunden machen, durchschnittlich acht und neun Stunden pro Woche.
Gleichzeitig herrsche häufig ein rauer Umgangston, bei oft schlechter
Betreuung durch die Ausbilder. "Bei diesen Auszubildenden herrscht das
Gefühl vor, dass sie als billige Arbeitskraft ausgenutzt werden", so
Rudolf.
Gerade die Arbeitgeber in der Hotel- und
Gastronomiebranche hatten in den letzten Jahren vehement eine
Aufweichung des Jugendarbeitsschutzgesetzes gefordert. Sie wollten eine
Lockerung der Schutzregelungen für junge Menschen erreichen, damit diese
bis spät in die Nacht arbeiten dürfen. Die Bund-Länder-Arbeitsgruppe
zur Überprüfung des Jugendarbeitsschutzgesetzes hat dieser Forderung
allerdings eine klare Absage erteilt. "Hoffentlich ist diese Diskussion
damit endgültig vom Tisch und die zuständigen Behörden kümmern sich
stärker um die Verstöße gegen das Gesetz", forderte Rudolf. Denn laut
Ausbildungsbericht hat fast jeder fünfte der unter 18-jährigen
Auszubildenden (18 Prozent) regelmäßig länger als die gesetzlich
erlaubten 40 Stunden in der Woche arbeiten müssen.
Ausbildungsübergreifend
liegt der Anteil der Auszubildenden, die Überstunden leisten, mit 40,6
Prozent auf dem Niveau des Vorjahres (40,2 Prozent). Fast jeder dritte
Azubi (28,5 Prozent) muss nach eigenen Angaben ausbildungsfremde
Tätigkeiten erledigen (Vorjahr: 30 Prozent). Ingrid Sehrbrock forderte
die Kammern auf, auch mit "unangemeldeten Betriebsbesuchen auf die
Einhaltung der gesetzlichen Regelungen zu achten und Beschwerden ernst
zu nehmen".
Schlechtere Bedingungen in weiblich dominierten Berufen
Nach
wie vor gibt es auffällige geschlechtsspezifische Unterschiede in der
Ausbildung. Noch immer entscheiden Frauen und Männer sich für
unterschiedliche Ausbildungen, was zu deutlich männlich und weiblich
dominierten Berufen führt. Zu den "Männerberufen" gehören unter anderem
Metallbauer, Anlagenmechaniker und Elektroniker, Frauen entscheiden sich
öfter für eine Ausbildung zur Friseurin, Kauffrau für Bürokommunikation
oder Medizinischen Fachangestellten. Frauen bekommen in den von ihnen
bevorzugten Berufen weniger Geld und Urlaub, müssen öfter Überstunden
leisten und erhalten gleichzeitig einen schlechteren
Überstundenausgleich. Dies spiegelt auch der Ausbildungsreport wieder:
die Azubis in den weiblich dominierten Berufen sind weniger zufrieden
mit ihrer Ausbildung als die Azubis in den männlich dominierten
Ausbildungsgängen.
Jeder zweite fühlt sich ungerecht behandelt
Ungerechte
Behandlung im Betrieb ist aus Sicht der Auszubildenden kein seltenes
Problem. Knapp die Hälfte (45,4 Prozent) der Befragten gab an, während
ihrer Ausbildung "selten", "manchmal" oder "häufig" ungerecht behandelt
worden zu sein. Dabei geht es nicht unbedingt um persönliche Konflikte
zwischen Auszubildenden und Vorgesetzten. Vielmehr zeigt der
Ausbildungsreport, dass die Auszubildenden in Betrieben mit
unzureichenden Rahmenbedingungen und rauem Arbeitsklima verstärkt den
Eindruck haben, ungerecht behandelt zu werden.
Übernahme oft ungeklärt
Sehr
problematisch für die Auszubildenden ist die oft ungeklärte
Übernahmesituation. Zum Zeitpunkt der Befragung wussten zwei von drei
der Befragten (65,9 Prozent) aus allen Lehrjahren noch nicht, ob sie am
Ende der Ausbildung übernommen werden. Lediglich ein knappes Viertel
(24,3 Prozent) der Befragten hatte bereits eine Zusage erhalten. Dazu
René Rudolf: "Diese große Ungewissheit belastet die jungen
Auszubildenden beim Eintritt ins Berufsleben". Er forderte die
Arbeitgeber auf, "selbst gegen den beklagten Fachkräftemangel aktiv zu
werden, junge Auszubildende nach dem erfolgreichen Abschluss zu
übernehmen und ihnen eine reelle Chance zu bieten, auf dem Arbeitsmarkt
Fuß zu fassen".
Der Ausbildungsreport des DGB erscheint jährlich.
Für die repräsentative Befragung wurden in diesem Jahr 9.325
Auszubildende aus den laut Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) 25
häufigsten Ausbildungsberufen befragt. Damit haben über 2.000 Menschen
mehr teilgenommen als im vergangenen Jahr.